Pawlowscher Parteitag

Sonntag, 13. Juni 2010

Es gibt Dinge, da weiß man sofort: Jetzt ist schon wieder etwas passiert. Und dies meine ich nicht im Sinne von Wolf Haas, der dies als herrliches Stilmittel in einen Krimis (unbedingt als Hörbuch vom Autor selbst gesprochen erwerben) kunstvoll verwendet.

Nein, als eben im ZDF die Moderatorin die Formulierung „innerer Reichsparteitag“ verwendete, war klar, welche Lawine losgehen würde. Man ist ja heutzutage derart auf solche Dinge trainiert, daß man noch bevor die Worte zu ende gesprochen waren wußte, daß das ein Nachspiel haben würde. Nicht umsonst twitterte ich justamente: „Eine ZDF-Reporterin weniger…“

Und tatsächlich: Sofort ging auf Twitter das Gegeifer los.

Fast scheint dies inzwischen zu einem festen Mechanismus, gleich einem pawlowschen Reflex geworden zu sein. Sobald ein Wortfetzen mit bekannt vorkommender Konnotation wahrgenommen wird, werden die Keulen der political correctness geschwungen.

Leider häufig ohne Rücksicht auf Verluste. Und nicht selten auch ohne Sinn und Verstand. Jeder von uns sollte in solchen Augenblicken einmal innehalten und kontemplieren, ob er erstens wirklich verstanden hat (nicht nur akustisch), was gesagt wurde (ich habe viele Reflexe auf Kombinationen aus „rechtsfrei“, „Raum“ und „Internet“ erlebt, die sachlich inkorrekt waren, weil gerade das Gegenteil gesagt worden war) und zweitens tatsächlich den Hintergrund oder die vermeintliche Konnotation richtig bewertet.

Denn gerade im vorliegende Fall bin ich mir insbesondere nach Lektüre der Definition dieser Redewendung im Wiktionary und Beachtung der Diskussionsseite dort eigentlich ziemlich sicher, daß der sprachliche Hintergrund der Redewendung eben ausgerechnet nicht so verwerflich ist, wie viele der jetzt brutalstmöglich Echauffierten so meinen:

(spöttisch) etwas, das die bezeichnete Person mit Genugtuung erfüllt (Gefühl der inneren Zufriedenheit, nachdem jemand nach großem Auftritt nun von der Realität eingeholt wurde).

Der innere Reichsparteitag soll demnach ja gerade den Gegensatz herstellen, wäre von der ganzen Motivation her eben nicht nationalsozialistisch ideologisch aufgeladen und belastet.

Insofern ist eigentlich auch die Entschuldigung des ZDF und die Ermahnung der Moderatorin ein eigentlich unnötiger Kotau:

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz: “Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen.”

Andererseits muß man wohl feststellen, daß die Formulierung eben deshalb unglücklich war, weil das Mißverständnispotential so hoch war. Ich habe in der Vergangenheit auch häufiger schon Sprüche gelassen, die aus meiner Wahrnehmung vollkommen harmlos waren aber beim Gegenüber unbeabsichtig (und wie ich meine auch ungerechtfertigt) als Beleidigung angekommen sind, nur weil der Sinn der Aussage nicht zum gemeinsamen Wissens- und Erfahrungsschatz gehörte.

So hielt ich den Spruch „Zwei Dumme — ein Gedanke“ für absolut ungefährlich, bis jemand sich ernsthaft angegriffen fühlte. Und als ich mit jemandem über die Fehlleistungen von Telekomikern sprach und meinte „denn sie wissen nicht, was sie tun“, hörte mein Gegenüber offenbar ein Großgeschriebenes „Sie“ und fühlte sich herabgesetzt.

Ich frage mich also: Wie gefährlich sind Redewendungen, wenn man offenbar viele nicht als bekannt voraussetzen darf?

Woher weiß man, welche man einsetzt, ohne vorher den Gesprächspartner einem Wissenstest ausgesetzt zu haben? ;-)

Und: Wie vermeidet man dieses fast massenhysterischen Züge, wenn solche Formulierungen in einer Öffentlichkeit landen, die sie bewußt oder unbewußt fehl- bzw. anders interpretiert als intendiert?



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    Weblog: princo.wordpress.com
    Aufgenommen: Jun 14, 02:11
    Mein innerer Reichsparteitag.
    Wir hatten ja den Fernseher aus, aber per Twitter regen sich ja alle über Klose seinen inneren Reichsparteitag auf. Amüsant. Denn- Welcher Reichsparteitag mag denn gemeint sein? Der der NSDAP nach...
    Weblog: Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.
    Aufgenommen: Jun 14, 02:40
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    Lennart_Fey via Twitter
    Pawlowscher Parteitag http://ff.im/-lZoJS (via @Stecki)
    Weblog: Lennart_Fey
    Aufgenommen: Jun 13, 22:36
    marcelstuht via Twitter
    Gedanken von @Stecki zur “Entgleisung” von #KMH http://bit.ly/aHYMh0 #zdf
    Weblog: marcelstuht
    Aufgenommen: Jun 14, 00:28
    Lovuschka via Twitter
    Dieter #Gruschwitz bezeichnet Distanzierung vom #Nationalsozialismus als “sprachliche Entgleisung”. http://is.gd/cOeNa #reichsparteitag #kwh
    Weblog: Lovuschka
    Aufgenommen: Jun 14, 01:09
    reichsparteitag via Twitter
    Dieter #Gruschwitz bezeichnet Distanzierung vom #Nationalsozialismus als “sprachliche Entgleisung”. http://is.gd/cOeNa #reichsparteita...
    Weblog: reichsparteitag
    Aufgenommen: Jun 14, 01:24
    herrhellmute via Twitter
    Hatte das (Innerer Reichsparteitag - Skandal der Ahnungslosen) auch so verstanden: http://bit.ly/djeK8w & http://bit.ly/ccVaOP
    Weblog: herrhellmute
    Aufgenommen: Jun 14, 08:35
    Denkblase via Twitter
    mE noch besser als der #niggemeier zum #reichsparteitag http://is.gd/cOCz1
    Weblog: Denkblase
    Aufgenommen: Jun 14, 09:21
    stephanbeyer via Twitter
    Da ich mich bisher zu #InnererReichsparteitag zurückhielt, verweise ich auf http://blog.stecki.de/archives/198-Pawlowscher-Parteitag.html
    Weblog: stephanbeyer
    Aufgenommen: Jun 16, 08:07

Kommentare


    #1 Thomas am 06/13/10 um 11:50 [Antwort]
    *Eigentlich könnte man es bei der Entschuldigung belassen. Ich fürchte allerdings, dass die Geschichte eine gewisse Eigendynamik entwickeln wird.

    Man darf gespannt sein. Zumal ja beim ZDF auch schon mal eine Sportmoderatorin wegen einem harmloseren Versprecher (Schalke 05) gehen musste.
    #1.1 Malte Steckmeister am 06/13/10 um 11:56 [Antwort]
    *Ja, die Eigendynamik ist das Problem. Denn am Ende fragt keiner mehr, was genau gesagt wurde, was gemeint war und was objektiv hätte verstanden werden müssen/können. Sondern es wird dann heißen (ich hypothetisiere da mal) sowas wie „wg. Verwendung von Nazi-Vokabular abgemahnt/gefeuert“ oder so.
    Nun will ich auch nicht sagen, daß die Formulierung glücklich war. Man muß eben wissen, daß einige Aussagen dieses Potential in sich bergen. Aber man sollte in der Tat die Kuh im Dorf lassen, insbesondere weil ein so niederschwellig-primitiver Reflex letztlich nur dazu beiträgt, die Empörung (die ja durchaus auch mal berechtigt sein kann) zu nivellieren. Dieses überschießende Sprachwächtertum ist kein Gewinn, fürchte ich.
    #2 Daniela am 06/13/10 um 11:56 [Antwort]
    *unterschreib

    Die Formulierung war nicht ganz glücklich, aber auf keinen Fall so schlimm, wie Welt online jetzt lospöbelt. Mannmannmann.

    Aktuell muss ich mir sagen lassen, dass der Taz-Kommentar angeblich reine Satire sei.

    Aha. Das sähe man, weil im Header von “Opa-Sender” gesprochen werde, das sei ja total unseriös. Aha.

    Ich frage mich also: Liegt es dann daran, dass ich zu blöd bin die “Satire” zu erkennen, oder vielleicht doch am Autor?!
    #2.1 Erwin am 06/14/10 um 01:13 [Antwort]
    *Spätestens im letzen Absatz sollte man doch wohl mitbekommen, dass der taz-Artikel nicht ernst gemeint sein kann:
    “Nazi-Vergleiche am laufenden Band: Erst macht Moderator Bela Rethy (53) den Stürmer (”Alles über rechts“, ”blitzartige Angriffe“, ”Özil keine deutschen Tugenden“). Dann dreht ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein (44) völlig durch, [...] ”
    #2.1.1 Daniela am 06/14/10 um 03:45 [Antwort]
    *Der taz-Kommentar wurde übrigens im Nachhinein verändert. Als ich ihn las stand da noch nix von Bela Rethy, die ganze Formulierung war auch anders gestaltet. Das ist der Vorteil (Nachteil) von Online-Journalismus.
    #3 ToKo am 06/14/10 um 02:54 [Antwort]
    *Auch dieser Eintrag ist in meinen Augen ein sehr gelungener, der sich bewusst kritisch mit der Aussage auseinander setzt und versucht, das ganze etwas “aufzuklären”. Daher habe ich auch diesen in meinem Blog verlinkt, in der Hoffnung, dass ich damit niemandem Unrecht tue ;-)
    #3.1 Malte Steckmeister am 06/14/10 um 10:22 [Antwort]
    *Danke, Dein Blog-Eintrag spricht mir auch aus dem Herzen. Insb. auch das Beispiel bzgl. suum cuique. Ich überlege übrigens gerade, ob ich mir jetzt auch einen Aufnäher auf meinen Rucksack mache, so rein prophylaktisch so ;-)))
    #4 critter am 06/14/10 um 03:01 [Antwort]
    *Ich habe im Lauf der letzten Stunden entschieden, die Redewendung in meinen Sprachschatz aufzunehmen.

    Ist es nicht womöglich eine Generationenfrage, ob man damit überhaupt was anfangen konnte? Ich habe den inneren Reichsparteitag noch nie vernommen, bis vorhin in der Halbzeit, und dachte, KMH hätte es erfunden.^^

    Dass sich die Empörungsmaschinerie umgehend in Gang setzen würde, man alsbald den Namen Eva Herman, was über die Call-In-Tante und Schalke 05 lesen würde, stand nicht nur binnen Sekunden fest, sondern schon binnen Sekunden im Netz.
    #5 luke am 06/14/10 um 09:03 [Antwort]
    *Viel schlimmer fand ich das eine Nachrichtenmoderatorin (ARD oder ZDF)sagte: Und jetzt zurück zum Spiel Großbritannien gegen USA...
    #6 Michael Lamertz am 06/14/10 um 02:48 [Antwort]
    *Ja, es ist schon blöd, wenn gängige Idiome aufgrund von sich rasant ausbreitender Political Correctness auf der Strecke bleiben.

    Ich selbst wurde für die Benutzung von “Hinterfotzig” (http://de.wikipedia.org/wiki/Hinterfotzig) in meiner Rolle als Forumsmoderator zweimal fast gesteinigt, weil allen nicht-süddeutschen Beteiligten völlig klar war, dass dies eine Herabsetzung des primären weiblichen Sexualorgans darstelle.

    Da selbst mir als Rheinländer das Wort vollkommen geläufig, und bar jeglicher sexuellen Anspielung belegt war, habe ich mich doch ordentlich gewundert, was da fuer ein Shitstorm auf mich einprasselte.

    Ich bin nun selbst jemand, der schon immer extrem viele Anglizismen in seiner Sprache benutzt, aber in solchen Fällen halte ich es schon mit den Sprachkonservationisten. Wir sollten nicht dulden, dass uns die political correctness unter’m Hintern weg Teile unseres Wortschatzes tabuisiert.
    #6.1 Ralf Barth am 06/14/10 um 03:49 [Antwort]
    *Michael hat Hintern geschrieben.
    Ich bin entrüstet.

    Wenigstens gibt es noch einige Schmierenkomödianten im Land, die hin und wieder ihren inneren Reichsparteitag feiern.

    Friede, Freiheit & Freunde

    http://wochensiegel.de/Kollateralschaden/

    :-D
    #7 Lieschen Müller am 06/14/10 um 04:04 [Antwort]
    *Hoffentlich hast Du mehr Ahnung von EDV...als von Medien, Politik oder so. Es gibt Fragen, die eignen sich eben nicht zur ironischen Distanzierung.

    Mit freundlichen Grüßen
    #8 Susanne am 06/14/10 um 09:30 [Antwort]
    *Allein für diese Überschrift würde ich flattrn, wenn ich schon einen Account hätte. Großartig.
    #8.1 Malte Steckmeister am 06/14/10 um 09:49 [Antwort]
    *Ich kann Dir gern einen Flattr-Invite-Code senden, wenn Du möchtest. Falls ja: Mail mir bitte oder tue das hier kund ;-)
    #9 huschi am 06/14/10 um 10:25 [Antwort]
    *Gerade weil der “innere Parteitag” eigentlich ironisch gemeint ist, ist doch die formulierung von Frau müller-hohenstein eine entgleisung: Klose schießt ein Tor = ein freudiges Ereignis. also ist ein innerer parteitag ein freudiges ereignis.

    Offensichtlich verwendet sie den parteitag also ohne ironische brechung für etwas positives. Für mich zeugt das ganz klar von dummheit, inkompetenz und humorlosigkeit.

    und mal allgemein: die sprache der unmenschlichkeit immer wieder zu analysieren und zu kritisieren, ist ein riesenspaß. Vor allem weil solchen leuten wie dir nichts besseres einfällt, das als gegeifer und gesabber zu diffamieren. du beweist damit, dass v.a. du eingeübten reaktionsmustern folgst. Und zudem nicht zu ende denken kannst.

    Das gibt mir letztendlich das gefühl der überlegenheit und tiefere innere befriedigung, oder sagen wir einfach: es war mir ein innerer reichsparteitag.

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