Zeitreise, nostalgisch-ludditisch

Donnerstag, 27. August 2009

Mußte mich eben an eine lustige (oder eher fragwürdige) Anekdote erinnern. Im vorigen Jahrtausend leitete ich den von mir ins Leben gerufenen “LAK Neue Medien” der JU Schleswig-Holstein. In dessen Auftrag hatte ein Mitstreiter bei der Uni Kiel angefragt, wie es denn hinsichtlich des Einsatzes von Notebooks in der Uni aussähe (insb. auch mit Blick auf Steckdosen). Als Antwort bekamen wir ein kurzes Schreiben (datiert vom 24. März 1998), das wirklich ALLES sagt:

“Unsere Fakultät hat sich mit der Zulassung elektronischer Notizmittel in Unterrichtsräumen noch nicht befaßt. Zur Zeit erscheint mir das auch noch nicht angezeigt. Nach meinen Feststellungen in Reisezügen haben die Geräte keinen Vorteil gegenüber Karteikarten, aber den Nachteil, daß sie schrecklich lärmen.”

Noch Fragen?

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Gedanken zum Relaunch von bundestag.de

Mittwoch, 12. August 2009

Heute Morgen um 11 Uhr wurde der Internetauftritt des Deutschen Bundestages neu gestartet. Die neuen Seiten präsentieren sich sachlicher, übersichtlicher und wie ich finde optisch ansprechender.

Allerdings scheint sich meine These zu bestätigen, daß das Wort “Relaunch” heutzutage zum Synonym für “Verschlimmbesserung” geworden, wie ich schon anhand einiger aktueller Relaunches feststellen mußte. Dies scheint damit zusammenzuhängen, daß die Verantwortlichen/Entscheider sich nicht wirklich mit den technischen Hintergründen und Implikationen auskennen und auseinandersetzen, sondern den Wert eines Internetauftrittes primär an der Optik und oberflächlichen Bedienung festmachen.

Cool URIs don’t change

Was mich am allermeisten nervt ist, daß auch bei diesem Relaunch wieder ein nicht unerheblicher Teil des URL-Schemas umgestellt wurde. Denn grundsätzlich gilt: Coole URIs ändern sich immer noch nicht (siehe auch: Cool URIs don’t change).

In Ausnahmefällen kann aber eien Aktualisierung der URLs durchaus sinnvoll sein, so z. B.  wenn man auf sog. “sprechende URLs” umstellt. Aber dann ist zwingend sicherzustellen, daß die alten URLs per Status Code 301 Moved Permanently auf die neuen umgeleitet werden, damit Suchmaschinentreffer und bestehende Verlinkungen nicht ins Leere laufen. Das gehört zum Einmaleins jedes Webmaster. Oder besser: Es sollte zum Einmaleins jedes Webmasters gehören.

Ich hoffe also, daß die Internet-Redaktion von bundestag.de nun nachbessert und dafür sorgt, daß zum einen — nach dem Motto “wenn schon, denn schon” — vollständig auf sprechende URLs umgestellt wird und zum anderen alte Links nicht ins Nirwana gehen.

So fand sich “mein” Bundestagsabgeordneter Gero Storjohann bisher unter http://www.bundestag.de/mdb/bio/s/storjge0.html. Diese Seite geht nun ins Leere (immerhin kommt jetzt eine 404-Seite (leider aber ohne Suchmöglichkeit und Vorschläge ähnlicher/ggf. passender Seiten), vorhin war es nur die lieblose Serverstatusmeldung 404). Die richtige Adresse lautet nun http://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete/bio/S/storjge0.html. Schade, daß man die Chance nicht genutzt hat, hier auch noch das unschöne storge0.html in sowas wie storjohann_gero.html o.ä. zu ändern.

Sauberer Code

Zum Quellcode sage ich einfach mal nichts. Da ist viel Luft nach oben :-)

Demokratie-API

Wirklich schade ist aber auch, daß man es versäumt hat, grundlegende funktionale Verbesserungen einzubauen. Um mich nicht falsch zu verstehen: Daß man nun Wahlkreise und seine Abgeordneten bequemer über Ort/PLZ mit Hilfe einer Google Map suchen kann, ist nett. Daß nun die Live-Coverage von öffentlichen Ausschußssitzungen und die Übertragung der Plenardebatten prominent auf der Startseite stattfinden wird, ist ebenfalls klasse. Aber letztlich sind das nur kleine graduelle Optimierungen.

Man hätte diesen Relaunch schön nutzen können, um einen großen Schritt für Bürgernähe und Transparenz zu machen, indem man beispielsweise den Weg hin zu einer Demokratie-API einschlägt, also die parlamentarischen Vorgänge und Aktivitäten quasi als programmiertechnisch abfragbare (und nicht nur manuell zu durchsuchende) Datenbank zur Verfügung stellt. Ich bin gespannt, ob und wann wir hier Fortschritt erleben.

Nichtsdestotrotz möchte ich bei aller berechtigten Kritik positiv anmerken, daß der Wille zu breiter Informationsvermittlung und Transparenz erkennbar ist. Vielleicht erleben wir ja tatsächlich irgendwann auf bundestag.de die Integration sozialer Netzwerke wie Twitter oder Facebook und eine Twitterwall im Bundestagsplanum. :-)

Nachtrag:

Die auführende Firma Babiel twittert gerade, daß die URLs im Laufe des Tages “nachgezogen” werden, also wohl dann nicht im Nichts landen. Das wäre schön. Noch besser wäre es gewesen, es gleich richtig zu machen.

Nachtrag 2:

Inzwischen sind werden die alten Links auf die neuen Seiten weitergeleitet (so Babiel auf Twitter). Habe dies nur stichprobenartig überprüft, scheint aber zu klappen. Warum nicht gleich so? :-)

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