<disclaimer>Ja, es ist keine wirkliche Neuigkeit, daß viele Smartphones/Computer/Programme/Apps mehr oder minder spannende Daten über das Nutzerverhalten sammeln und dann „nach Hause telefonieren“, um diese Daten an DatenfresserUnternehmen zur Auswertung oder gar zum Verkauf zu übermitteln. Und ja, wenn dies ohne informierte Zustimmung (z.B. durch Verschweigen oder Verschleierung mittels undurchschaubarer 6-Punkt-Formulierung in AGB-Konvoluten) des Nutzers und/oder unverschlüsselt passiert, ist dies eine inakzeptable Frechheit. Und auch ja, solche Dinge sind dann tatsächlich ein Fall für Datenschützer.</disclaimer>

Gestern war im (allgemein sehr lesenswerten) O’Reilly-Radar zu lesen, daß Apple iPhones und iPads mit iOS>=4 nicht nur (wie schon seit längerem bekannt) Lokalisierungsdaten aus GSM-Funkzellen/WLAN-Kennungen kumulieren, um diese alle 24 Stunden — sofern Wifi-Verbindung vorhanden — an Apple zu übertragen, sondern daß diese Daten im Gerät selbst offenbar über die gesamte Lebensdauer aggregiert und bei Synchronisationen/Datensicherungen mit iTunes entsprechend auf den jeweiligen Rechner übertragen werden. Dort sind sie dann über relativ simple Methoden aus einer Datei consolidated.db auslesbar (dies ist übrigens insofern ein Problem, daß natürlich dann lokale Spyware diese Daten abgreifen kann).

Mit dem iPhone-Tracker kann man diese Daten rudimentär visualisieren (das Programm ist letztlich ja nur proof-of-concept; je nach Zoomlevel rundet es die Ortungen auch; allerdings kann natürlich jeder das forken und verbessern). Das sieht dann ungefähr so aus:

Über die Privacy-Implikationen solcher faktisch Hidden-Features darf man sich IMHO grundsätzlich zu Recht aufregen (siehe sehr zutreffend Randnotiz: Bewegungsprofil@home). Aber das überlasse ich anderen :-) Denn ähnlich wie Johan und Sven kann ich dieser Datenerfassung durchaus etwas Positives abgewinnen. Denn seit vielen Jahren nutze ich beispielsweise auf Reisen und Ausflügen einen dedizierten GPS-Logger (insb. zur Georeferenzierung von Fotos) und bin bekanntermaßen auch ein Fan von Lokalisierungsdiensten.

Allerdings sind die vom Telefon gelogten Daten leider qualitativ minderwertig. Denn es werden eben außerhalb der Zeitfenster, in denen der GPS-Modus aktiv eingeschaltet wurden, letztlich nur sehr ungefähre Funkzellendaten verwendet. Das führt dann auch zur teilweisen Unbrauchbarkeit der Daten für eigene Zwecke, da diese teils (beispielsweise bei Zugfahrten) komplett falsch und irreführend sind. So war ich nicht an allen oben im Bild markierten Orten, insgesamt ist das doch alles eben sehr rudimentär. Ich kommentierte daher:

Was insg. fehlt ist eine richtige, über alle von einem genutzten Devices konsolidierte Datenbank, die umfangreiche Meta-, Attention- und Ambient-Data für Dateien, Programme/Apps und deren Inhalte (URLs, Mails) enthält. Echter Lifestream, am besten dazu noch für Quantified Self Dinge wie Mood, Körpertemperatur, Puls, Blutdruck, Adrenalin-/Cholesterin-/usw-Spiegel… #hach #träum #inflektivnutz

Wer beispielsweise The Numerati von Stephen Baker (s.a. thenumerati.net) gelesen hat, bekommt eine Ahnung davon, welche Daten man mit etwas Phantasie erfassen und — auch und insbesondere für sich selbst — aussagekräftig und hilfreich auswerten kann. Lifelogging/Lifestreaming, also Häufung und Langzeit-Archivierung solcher Daten sind ja kein Selbstzweck, sondern letztlich erst die Grundlage für einen m.E. richtungsweisenden Trend zum Quantified Self. Nicht umsonst werden langsam tragbare Daueraufzeichnungsgeräte wie Looxcie marktfähig (auch wenn sie heutzutage noch viel zu wenig Daten viel zu schlecht aufnehmen; siehe auch Microsoft Researchs SenseCam). Denn in der Regel ergibt sich die Auswertbarkeit ja erst bei Vorliegen großer Mengen kontinuierlich erfaßter unterschiedlicher Daten in entsprechender Qualität. Und in der Regel weiß man erst später, was man alles mit den Daten anstellen kann, da Phantasie für kreative Verknüpfbarkeit wie auch technische Möglichkeiten (noch) nicht vorhanden sind (siehe dazu OpenLiveStreetView3D wird kommen). Auch Informationen, mit denen man heute so in Rohform nichts meint anfangen zu können, können bzw. werden später durchaus spannend sein. Private (!) Vorratsdatenspeicherung ist insofern durchaus nicht abwegig. Absehbare Fortschritte in Sprach- und (Bewegt)Bilderkennung, Sensorik, Software, Preis pro Datenmenge usw. werden angesichts der zunehmend einfachen Möglichkeiten zu Visualisierung und Korrelation (Stichworte Google Visualisation API und Google Prediction API) mit Sicherheit Rahmenbedingungen für einen enormen Erkenntnisgewinn sein, minimiertes Vergessen durch dieses Exobrain eingeschlossen.

Was allerdings dramatisch fehlt ist eine solide, standardisierte Grundlage dafür. Eigentlich wäre meine Erwartung an das Jahr 2011, daß per OS-Integration in alle Geräte Erfassung von Attention-Data (welche Inhalte/Dateien/Programme/URLs besuche ich von wo wie lange) mit abgleichbaren Ambient-Metadaten (also welche Umgebungsbedingungen galten, s.o.) im Rahmen eines definierten Austauschformates transparent stattfindet. Aber das ist leider noch Zukunftsmusik; all’ diese tollen Informationen verpuffen erratisch oder gar nicht gespeichert :-(

Daher formuliere ich nun neben meinem Datenhaltungsmantra („Daten, die man hat, hat man.“) ein Datennutzungsmantra: Meine Daten gehören mir. Ich will diese Daten. Alle. Überall. Jederzeit.

Nun brauche ich nur Hard- und Software, die das auch umsetzt…

Further reading:

Und aus Gründen der Übersichtlichkeit und Praktikabilität die Buchtips als Amazon-Partnerlinks:

  • Stephen Baker: The Numerati
  • Constanze Kurz/Frank Rieger: Die Datenfresser
  • Gordon Bell: Total Recall: How the E-Memory Revolution Will Change Everything
  • Und als iTüpfelchen dann noch FWIW: Mehr Dünnschiss geht nicht: Merkbefreite Fanboys verteidigen Schnüffel-iPhone

    Dieser Text ist mir etwas wert:

    re:trospektive: re:infall re:publica

    Freitag, 15. April 2011

    Ok, vielleicht ist der Titel ein bisserl dolle, zu re:ißerisch gewissermaßen ;-) Und zugegeben: Ich habe jetzt nicht noch eine Nacht darüber geschlafen und schreibe daher in einem recht angefressenen Zustand. Und natürlich war nicht alles schlecht. Aber irgendwie muß man den leicht aufgestauten Frust ja loswerden…

    Und es ging ja schon mit einem — sagen wir mal — suboptimalen Auftakt los. Denn die Startup-Session Design Thinking versprach mehr als sie hielt und war latent einschläfernd. Ein schlechtes Omen sozusagen. An so eine herausragende Stelle der Konferenz hätte etwas anderes gehört; etwas, daß dem Event einen Kickstart verpaßt und/oder ihn auch thematisch mitbestimmt (denkbar wäre da beispielsweise die Digitale-Gesellschaft-Erklärbär-Session gewesen).

    Durch die Langeweile beim Auftakt wurde natürlich auch gleich das nächste Problem deutlich, nämlich das wie immer im wesentlichen non-funktionale Netz. Aber zum einen ist man das ja gewöhnt, zum anderen denke ich mal, daß bei der hohen Funkdevicedichte zufriedenstellende Anbindungen faktisch nach heutiger Technik unmöglich sind. Dennoch fühlt man sich durch faktisch fast fehlendes Netz fast schon kastriert, so abhängig ist man (ich verallgemeinere das sicherheitshalber mal) davon. Denn man wird eigene Gedanken oder Memo-Tweets nicht los und hat auch nicht den Überblick, was in anderen Räumen so läuft und die anderen Anwesenden mental so umtreibt.

    Dann gab es diesmal ja leider keine Killer-Keynote. Letztes Mal waren mit Jeff Jarvis und Peter Kruse ja zwei wirkliche Highlights dabei. Das wiederum hatte zur Folge, daß der Friedrichstadtpalast selber eigentlich kaum so richtig doll voll war, was seinerseits dazu führte, daß das Raumchaos in der Kalkscheune um Größenordnungen schlimmer war als letztes Jahr. In viele der eigenen Wunsch-Sessions kam man gar nicht erst rein, scheiterte ja sogar mal noch vor der Kalkscheune. Und wenn man es in einen der Räume schaffte, war er so überbelegt, daß man stehen durfte und Angst um den Sauerstoffgehalt der Luft hatte :-) Um dann getrost dem Motto erst hat man kein Glück und dann kommt noch Pech hinzu Vorträge zu erwischen, die ihrer Ankündigung oder jedenfalls den in sie gesetzten Erwartungen nicht gerecht wurde. Für meinen Geschmack jedenfalls waren viele Inhalte (ich kann natürlich nur von denen sprechen, die ich aufgrund der widrigen Umstände mitkriegen konnte — und erspare mir die Auflistung, weil ich auch niemanden dissen möchte) zu rückwärtsgewandt, Internet-Archäologie quasi, sprich: Zu viel was war, zu wenig was wird. Oder sie kamen jedenfalls um eine Grundeinführung nicht hinaus. Wirklich Neues, Denkanstößiges oder Überdentaghinausdauerndes habe ich leider kaum mitgenommen. Ich will zwar nicht von GAU sprechen, aber eine Verkettung unglücklicher Umstände war es insofern schon :-(

    Die inoffiziellen Komponenten der #rp11 hingegen waren dann doch schon nicht schlecht. Viele nette Gespräche gab es, dazu wieder einen Haufen Leute mal live und in Farbe gesprochen, die man sonst nur virtuell kennen- und schätzengelernt hatte. Und auch die Mittags-Sessions schmeckten mir ganz gut.

    Das Beste zum Schluß: Wer nicht im Workshop Information, Gestalt und Prognosen zum Leben von morgen war, hat IMHO den absoluten Top-Act der re:publica Ⅺ (man beachte den Unicode “Roman numeral eleven“; SCNR) verpaßt. Steffen Hoellein hat mit viel Charme, Ausstrahlung und (Wort-)Witz über die Essenz der Klassischen Moderne referiert. Inspiration pur! Seine Begeisterung war ansteckend und ich werde von diesem Vortrag (dessen Slides hoffentlich online gestellt werden?) noch lange zehren!

    Insgesamt überwiegen was das offizielle Programm anbelangt leider also die negativen Erfahrungen. Ob ich beim nächsten Klassentreffen dabei bin, kann ich daher noch nicht sagen. Ich hoffe jedenfalls darauf, daß klare organisatorische Konsequenzen gezogen werden.

    So, jetzt ist der Frust runtergeschrieben und ich entspanne mich dann mal…CU


    Hier eine weitere (ähnliche) Stimme:

    Und dann war da noch der etwas andere #rp11-Rückblick von PattyRo: Die Geschichte von Nerdjunge und Bloggermädchen.

    Dieser Text ist mir etwas wert:
    (Seite 1 von 1, insgesamt 2 Einträge)