Web 2.0? Ohne Delingsdorf :-(

Mittwoch, 29. Juni 2011

Die Gemeindevertretung Delingsdorf hat auf ihrer gestrigen Sitzung (Tagesordnung) mit deutlicher Mehrheit beschlossen, Facebook und Twitter nicht als Kanal der Onlinekommunikation zu nutzen und angewiesen, die entsprechenden Accounts (facebook.com/delingsdorf und @delingsdorf) zu löschen.

Google startet sein Soziales Netzwerk. Der Papst twittert. Und @Delingsdorf steigt aus Facebook und Twitter aus. #nuffsaid

Unter dem Tagesordnungspunkt Internetseite der Gemeinde Delingsdorf, hier: Verlinkung zu „sozialen Netzwerken (Internet)“ wurde rund eine Stunde bei tropischen Temperaturen im Bürgerhaus diskutiert und es hat schon eine gewisse Ironie, daß die Gemeinde den Ausstieg just am selben Tag beschließt, an dem Google sein Soziales Netzwerk Google+ der Öffentlichkeit vorstellt und der Papst seinen ersten Tweet absetzt.

Hintergrund/Disclaimer

Zunächst einmal ein paar Fakten zur Einordnung: Seit Anfang 2003 betreue ich zusammen mit Constantin Dabelstein die Website der Gemeinde Delingsdorf www.delingsdorf.de in technischer wie auch redaktioneller Hinsicht. Sprich: Die Site ist damals komplett in Eigenarbeit entstanden (ich möchte nicht wissen, wie viele hundert (oder gar tausend) Mannstunden wir über die Jahre in Programmierung des Content-Management-Systems, der Templates und vor allem der stets nach Kräften möglichst umfangreichen und aktuellen Inhaltspflege gesteckt haben, ehrenamtlich und mit Spaß an der Sache). Dies geschah quasi im Auftrag der Gemeinde und mit selbiger, vertreten durch den Bürgermeister, im Impressum. Ich schreibe hier quasi, weil man uns sehr freie Hand gelassen hat und die Gemeinde(vertreter) auch kein besonderes Interesse hatten sich auch nicht wirklich mit Micromanagment der Angelegenheit beschäftigt haben. Wir haben daher stets versucht, den Onlineauftritt verantwortungsvoll, fair, objektiv und vor allem natürlich im Sinne der Gemeinde zu administrieren und es spricht insofern denke ich auch für sich, daß es in diesem Zusammenhang auch nie Ärger o.ä. gab.

Irgendwann kamen dann Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter auf die Bildfläche. Da wir verhindern wollten, daß die Gemeinde durch Aktivitäten von Trollen/Name-Grabbern/Fake-Accounts in ein schlechtes Licht gerückt wird und in der Annahme, daß mangels anderer aktiver und kompetenter Akteure diese Dienste letztlich auch nur weitere Kommunikationskanäle sind, die insofern unter unseren Auftrag und Autorisierung fallen, haben wir die jeweiligen Zugänge gesichert, aktiviert und stets aktuell befüllt. Es gab auf den Accounts keinerlei Probleme, alles verlief social-media-technisch normal.

Und was ist passiert?

Nichts. Jedenfalls nichts, was ich wüßte. Auf einem Ausschuß vor ein paar Wochen (habe die analogen Akten hier gerade nicht zur Hand) wurde unter dem Catch-All-TOP „Anfragen und Mitteilungen“ einmal kurz problematisiert, ob es gut sei, daß es von delingsdorf.de Links zu Facebook gäbe. Weitere Anfragen (beispielsweise direkt an einen der beiden Webmaster) gab es zu dem Thema zwischenzeitlich nicht. Bis zur gestrigen Sitzung.

Dort trug Bürgermeister Knudsen vor, daß er große Probleme darin sehen würde, daß von der Gemeindeseite aus Links zu Facebook & Co existieren würden. Hier handele es sich um US-amerikanische und nicht Delingsdorfer Unternehmen, die von dieser „Werbung“ profitieren und Geld verdienen würden. Darüber hinaus könne es nicht angehen, daß „irgendjemand“ unter dem Wappen der Gemeinde dort Informationen verbreiten würde. Es schlossen sich Beiträge anderer Gemeindevertreter (u.a. die Fraktionsvorsitzenden von WGD und SPD (Sitzverteilung in der Gemeinde ist 12 WGD, 3 CDU, 2 SPD)) an. Aufgrund der Länge der Diskussion ist es mir offengestanden nicht möglich, alle Aussagen im Einzelnen zuzuordnen. Ich versuche die Punkte zusammengefaßt und entsprechend paraphrasiert wiederzugeben:

  1. US-amerikanisches Unternehmen, das damit Geld verdient
  2. Unzulässige Werbung für 1.
  3. Wappenmißbrauch
  4. Datenschutz
  5. Da könne ja jeder etwas schreiben.
  6. Im Netz sei nur eine bestimmte Schicht/ein bestimmter Typus unterwegs.
  7. Kann man eine Sperre einrichten, damit Delingsdorfer Inhalte nicht auf Facebook erscheinen? (im konkreten Fall wollte man nicht, daß die Tagesordnung der Sitzung bei Facebook erscheint, dabei handelte es sich schlicht um einen Link zur Tagesordnung auf delingsdorf.de).
  8. Soziale Netzwerke seien Zeitverschwendung, denn es würde [den Vortragenden] nicht interessieren, was Person xy von sich gibt.
  9. Wer etwas über Delingsdorf wissen will, möge die Internetpräsenz der Gemeinde besuchen oder enstprechend Googeln.

Ich habe versucht, auf alle Punkte sachlich und differenziert einzugehen. Dabei muß ich einräumen, daß es bei solchen Situationen nicht leicht fällt, alle Diskussionspartner dort abzuholen, wo sie mit ihrem Wissen um Funktionsweise des Internets stehen (man kann da ja keinen mehrstündigen Schulungs-Exkurs mit reinpacken). Insbesondere fehlten völlig eigene praktische Erfahrungen mit der Nutzung Sozialer Netzwerke. Jeder, der Facebook und/oder Twitter lebt, hat eine Ahnung, was das heißt ;-)

Ob es also wirklich Werbung für Facebook ist, wenn die Gemeinde darauf verlinkt, dürfte recht zweifelhaft sein angesichts Größe und Trafficmenge der Gemeinde aber vor allem mit Blick darauf, daß Facebook nun wirklich ständig und überall auftaucht (Medienberichte, Werbung, Smalltalk) und ohnehin ca. die Hälfte der Internetnutzer in Deutschland dort bereits aktiv ist. Viel eher hat die Aktivität Delingsdorfs auf Facebook den Blick der Nutzer sowie Traffic auf die Gemeindeseite und ihre Informationen gelenkt.

Auch hatte sich uns als Befüllern der Accounts nie die Frage des Wappenmißbrauchs gestellt, weil wir davon ausgegangen waren und IMHO auch ausgehen konnten, daß genau das von unserem Auftrag hinsichtlich der Online-Kommunikation der Gemeinde umfaßt (und wie oben erläutert auch erforderlich) war. Das Argument hatte mich auch insofern überrascht, da wir den Facebook-Account z.B. schon seit fast 1,5 Jahren betreuten.

Objektiv bestehende Datenschutzproblematiken kamen kaum zur Diskussion. Hier stehe auch ich insb. FB durchaus kritisch gegenüber (auch wenn mein Abwägungsergebnis wie man auf dieser Seite sieht pro FB-/RT-Button ausfällt (ich aber derzeit auch an einer datenschutzrechtlich unproblematischen Version zum Nachladen der iframes bastele)).

Daß jeder kommentieren und posten könne, tja, was soll man dazu sagen? So ist das im Web 2.0. Kommunikation auf Augenhöhe, den Nutzern ein Forum bieten, sie aktivieren. Genau das, was eigentlich im Interesse der Gemeinde liegen sollte, weil es die Gemeinschaft zusammenbringt.

Und wie soll ich erklären, daß man das Setzen von Links und auch Deeplinks auf Inhalte nicht (wirksam|sinnvoll) unterbinden kann, diese Diskussion aus den Urzeiten des Webs stammt und Verlinkungen nun geradezu konstitutiv für selbiges sind‽

Die Diskussion über Filtersouveränität und Sinn/Funktion/Mechanismen bestimmter Statusmeldungen/Posts und der daraus entstehenden Kommunikation, war in der erforderlichen Tiefe leider nicht zu führen, auch wenn ich versucht habe, das anzuschneiden.

Zum „man kann ja Googeln“-Argument muß ich glaube ich dann nicht mehr viel sagen (und konnte auf der Sitzung leider nicht in der gebotenen Tiefe auf die darin befindliche Realsatire eingehen, ebenso wie ich nur am Rande darauf verweisen konnte, daß es sehr inkonsequent sei, dann nicht auch das Embedding von Google Maps, Youtube und Verlinkungen zu externen Services wie Picasa zu unterlassen).

Ich hatte noch versucht anzuregen, den TOP zu vertagen und im Rahmen eines Ausschusses, einer Klausursitzung oder einer Projektgruppe einmal ganz grundlegend darüber zu sprechen, wie eine zeitgemäße Online-Kommunikationsstrategie für das Dorf aussehen könnte. Ich erwähnte Dinge wie Email-/SMS-Verteiler, niederschwellige digitale Einsehbarkeit des Flächennutzungsplans und der Bebauungspläne etc. pp. (was heutzutage eben auch für eine Amtsgemeinde unserer Größenordnung (Amt=ca. 15.000 Einwohner, Gemeinde=ca. 2.200) darstellbar oder zumindest mittelfristig erstrebenswert wäre. Ich wies hin auf Aspekte wie Bürgernähe und Transparenz der Kommunalpolitik sowie auf die aktuelle Allensbach-Infosys-Studie „Social Media, IT & Society 2011“ (68% der Bevölkerung ab 16 Jahre für mehr Online-Beteiligung zu lokalen Themen). Es hat alles nichts genützt.

Am Ende habe ich selbst dann (um eine explizite, klare Ansage zu haben) gefragt, ob die Gemeinde nun auf Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter vertreten sein möchte oder diese Account zu löschen seien.

Für Nutzung Sozialer Netzwerke stimmten zwei Gemeindevertreter (mein CDU-Fraktionskollege und ich), gegen die Nutzung gab es acht Stimmen (7×WGD, 1×SPD) bei drei Enthaltungen aus der WGD (vier der 17 Gemeindevertreter waren verhindert).

Weisungsgemäß werde ich diesen Beschluß — auch wenn er mich persönlich außerordentlich hart trifft — umsetzen. Die Links von der Gemeindeseite sind (sofern ich nichts übersehen habe) allesamt entfernt. Die Accounts sind „entwappnet“ und werden nachher, so schade es um die ganzen Beiträge dort ist, unwiderbringlich gelöscht. Was dann bzgl. Delingsdorf auf den entsprechenden Plattformen passiert, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, daß dort niemand böswillig die freigewordenen Namen abgreift. Man kann davon ausgehen, daß eine entsprechende Vernetzung dort früher oder später stattfinden wird.

Wer weiterhin „sozialmedial“ über Delingsdorf auf dem Laufenden sein möchte, dem lege ich zwischenzeitlich facebook.com/delingsdorf und @cdu_delingsdorf ans Herz — denn dem CDU Ortsverband Delingsdorf ist auch der virtuelle Kontakt und Austausch wichtig (auch wenn dessen digitaler Auftritt so manches Mal darunter litt, daß ich ihn als Admin gegenüber dem überparteilichen Gemeindeauftritt gelegentlich hintangestellt habe).

Fazit

Mich läßt die gestrige Sitzung jedenfalls sehr traurig und nachdenklich zurück. Für mich stellen sich durchaus sehr grundlegende Fragen nach dem mehrheitlichen Selbstverständnis Delingsdorfer Kommunalpolitik und auch des Sinns ehrenamtlichen Engagements. Vor allem kann ich schlicht und ergreifend die Entscheidung wirklich nicht verstehen. Sie paßt nicht in diese Zeit.

Hoffen kann ich nur, daß nicht ein Kommentator meines Facebook-Threads zu dem Thema mit seiner Spekulation recht hat:

Kann es sein, das Du der einzige, bzw der kompetenteste und aktivste Anwender von Social Media in der Gemeindevertretung bist, und Dir die anderen Ratsherren nur dieses Meinungsverbreitungsmonopol aus der Hand nehmen wollten? So eine Motivation würde in einer Sitzung ja nicht zugegeben werden.

Meine Antwort darauf war jedenfalls:

Wenn dem so sein sollte, hat die Mehrheit leider den Weg mit den größtmöglichen Kollateralschäden für die Delingsdorfer gewählt :-(

Allgemeiner Hinweis: Ich habe obigen Text in knapp bemessener Zeit verfaßt, um dem Informationsbedürfnis im Dorf Rechnung zu tragen. Der Text gibt den Sachverhalt nach bestem Wissen und Gewissen so wieder, wie er sich für mich darstellt. Ich spreche auch nur für mich persönlich, nicht für meinen Cowebmaster oder meine Partei. Sollten inhaltliche Mißverständnisse, Fehler oder falsch zu verstehende Formulierungen entstanden sein, bitte ich um Hinweis und Entschuldigung.


Nachtrag 07.07.2011: Siehe auch Delingsdorf steigt aus — Protokoll und Link-Dump.

Nachtrag 18.07.2011: Siehe auch Delingsdorf steigt aus — Interview-Mitschnitt aus RSH.

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