Bereits in meinem Beitrag „Lächerliche Lex Google: OpenLiveStreetView3D wird kommen“ zeichnete ich ein Szenario auf, wie in nicht all zu ferner Zukunft durch massives Crowdsourcing die Möglichkeit bestehen könnte, ein schwarmbasiertes, georeferenziertes, dreidimensionales Live-Bild der Welt zu erstellen — und dies mit allen Konsequenzen. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird das, was wir heute Smartphone nennen, zukünftig zu einem wirklichen digitalen Assistenten und Begleiter; echtes Lifestreaming (ja: mit f) wird möglich.

Bislang war das gelegentliche Einloggen bei Foursquare, Brightkite, Latitude, Gowalle & Co das höchste der Gefühle. Schon jetzt wird klar, daß permanentes GPS-Loggen der nächste Trend wird. Und man darf davon ausgehen, daß die uns ständig begleitenden Mobiltelefone sukzessiv immer mehr Umgebungsdaten loggen und auch manuell oder (halb-)automatisch in entsprechende Dienste hochladen können. Noch wird das beispielsweise nur für sog. HD-Traffic etc. genutzt, aber warum sollten eben nicht auch meteorologische Daten zu einem immer engmaschigeren Sensor-Netz geknüpft werden?

Und als nächster Schritt werden Geeks anfangen, eben nicht mehr nur gelegentlich ihre Position oder Fotos/Videos zu posten, sondern per default ihre Umgebungsdaten — und diese beinhalten dann eben auch Live-Video mit Ton — ins Netz schieben und dort auch archivieren. Schon jetzt sind die technischen Möglichkeiten zur Indizierung dieser Daten gegeben. Gesichts-,Bild- und Spracherkennung mögen zwar noch hie und da unperfekt sein, sind aber auf jeden Fall bereits erschreckend leistungsfähig.

Während deutsche Datenschützer und Politiker sich im Kampfgetümmel von Nachhutgefechten befinden und damit beschäftigt sind, Dinge in den Griff kriegen zu wollen, die teils seit vielen Jahren breit im Markt etabliert sind, steht eine rechtzeitige, die technische Entwicklung begleitende Diskussion von Datenschutz im kommenden Zeitalter durch jedermann jederzeit vollumfänglich einspeis-, archivier- und durchsuchbarer ubiquitärer Live-Daten noch aus — jedenfalls kann ich bei den gesellschaftspolitischen Akteuren außerhalb der Geek-Szene eine solche nicht feststellen.

Insofern mein Appell: Laßt uns endlich über die wirklichen Probleme und Herausforderungen für einen modernen Datenschutz diskutieren. Welche Werte und Normen müssen wir rechtlich bzw. gesellschaftlich etablieren, um in Zukunft wichtige Grundrechte zu gewährleisten, damit man sich und seine Handlungen nicht selbst zensiert. Wie schon David C. Thompson in “The Future of Privacy: Facial Recognition, Public Facts, and 300 Million Little Brothers” deutlich macht: Es kommt nicht das Zeitalter des Big Brothers, sondern das der unzähligen Little Brothers.

Ich bin gespannt auf eure Kommentare, Denkanstöße und gern auch weiterführende Informationen.



Dieser Text ist mir etwas wert:
Twitter Bookmark Laßt uns über die wirklichen Probleme reden…  at del.icio.us Facebook Google Bookmarks FriendFeed Digg Laßt uns über die wirklichen Probleme reden… Technorati Laßt uns über die wirklichen Probleme reden… Bookmark Laßt uns über die wirklichen Probleme reden…  at YahooMyWeb wong it! Bookmark using any bookmark manager! Stumble It! Print this article! E-mail this story to a friend!

Trackbacks


Trackback-URL für diesen Eintrag
    Weblog: sooth.de
    Aufgenommen: Jul 02, 14:34
    Weblog: sooth.de
    Aufgenommen: Jul 02, 14:34
    frederics via Twitter
    “Lasst uns endlich über die wirklichen Probleme des Datenschutzes reden”, sagt @Stecki. Sein Appell: http://bit.ly/dAMQ1z
    Weblog: frederics
    Aufgenommen: Jul 02, 09:04
    sebaso via Twitter
    @Stecki erstere. Ich wollte vorschlagen, da http://bit.ly/cIWEW0 draufzupacken.
    Weblog: sebaso
    Aufgenommen: Jul 02, 10:31
    Weblog: www.johanvonhuelsen.de
    Aufgenommen: Jul 04, 12:13
    Gesichtserkennung: Normen vs. normative Kraft des Faktischen
    Unter der Fragestellung „Gesichtserkennung: Machen, was machbar ist?“ fragt @Johanstormarn: „Datenschutz ist ein wichtiges Thema, aber es ist absehbar, dass die Macht des Möglichen den Datenschutz in der heutigen Form außer Kraft setzen wird. Wenn also d
    Weblog: Stecki's Blog
    Aufgenommen: Jul 06, 21:33
    Lex Google: Gesetz kaputt
    Der Bundesrat hat nun unter der Überschrift Bundesrat will Datenschutz ausweiten einen Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Bundesdatenschutzgesetzes (die sog. Lex Google) auf den Weg gebracht. Ich hatte mich zu der Thematik ja bereits öfter ausgelass
    Weblog: Stecki's Blog
    Aufgenommen: Jul 10, 00:01
    Weblog: fettehenne.info
    Aufgenommen: Aug 11, 14:04
    Link-Dump zu Google Street View
    Aus meiner Sicht ist der Umgang mit Google Street View ein Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit und ein pointiertes pars-pro-toto für die Qualität (?) des öffentlichen Diskurses. Weitere eigene Ausführungen erspare ich mir hier an dieser Stelle. Wer mag,
    Weblog: Stecki's Blog
    Aufgenommen: Aug 12, 15:50

Kommentare


    #1 fhun am 07/02/10 um 11:17 [Antwort]
    *Ja, unsere staatstragenden Parteien hinken der Wirklichkeit deutlich hinterher, denn die absehbaren Probleme sind vielfältig.

    Ein Beispiel: Picasa, der “googelsche” Bilderdienst, kann seit kurzem Gesichtserkennung. Per Default ist eingestellt, dass die lokal ermittelten Daten beim Hochladen ins Web mit übertragen werden.

    Was ist hier dann mit dem Recht am eigenen Bild, das in Deutschland gilt? Viele NutzerInnen denken sich nichts dabei und veröffentlichen Bilder von ihren Freunden, schön verschlagwortet :-(

    Wenn ich mein Bild veröffentliche -- wie zum Beispiel als Gravatar, dann weiss ich, was ich mache. Andererseits macht es mir keinen Spaß, auf irgendwelchen Bildern von irgendwem bezeichnet zu werden - denn mit zunehmender Daten- rsp. Bilderdichte im Netz lässt sich doch leicht ein Bewegungsprofil erstellen, dass ich selbst nicht mehr im Griff habe.

    Es wäre schon angebracht, dass die Datenschützer in den Parteien sich mal mit diesen Themen auseinandersetzen würden...
    #2 Andreas Jungherr am 07/02/10 um 11:18 [Antwort]
    *Meine 10 Cent zum Thema:

    Interessant scheint mir in dieser Debatte der Clash der Ausgangsprämissen:

    Während der Datenschützer klassisch deutschen Schule in bester Juristentradition davon überzeugt ist, dass alle gespeicherten Daten früher oder später durch die speichernde Partei missbraucht werden, folgern die Vertreter dieser Idee sehr logisch, dass so wenig Daten wie möglich gespeichert werden sollten, um die möglichen Mißbrauchsmöglichkeiten einzuschränken. Soziale Netzwerke oder Dienste wie Google sind unter dieser Prämisse natürlich DER Alptraum, da hier Nutzer freiwillig möglichst viele Informationen über sich freiwillig preisgeben und damit die Mißbrauchsgefahrt erhöhen.

    Auf der anderen Seite sind Firmen die Daten sammeln und zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwecken nutzen. Für diese Akteure gilt die Prämisse: Speicher kostet nix und wer weiß was wir später aus den Informationen an Wissen gewinnen können, also je mehr scheinbar nicht miteinander verknüpfte Daten in diesen Diensten landen um so besser, da dies potentiell das Wissen über soziale und wirtschaftliche Prozesse zu einem späteren Zeitpunkt fördern kann. Mehr Informationen = bessere Modelle = besseres Wissen über menschliches Verhalten = wirtschaftlicher/gesellschaftlicher Fortschritt.

    Das Problem der Datenschützer ist nun, dass viele Nutzer dieser Dienste es überwiegend nicht für problematisch halten Daten über sich selbst und ihre soziales Umgeld in bisher nicht gekannten Frequenz, und Reichheit selber bereitzustellen. Offenbar funktioniert in den Augen der Nutzer zur Zeit jedenfalls noch die Kosten/Nutzern Funktion zwischen Datenbereitstellung und Dienstleistung. Natürlich ist das nicht ganz unproblematisch, da die meisten Nutzer nicht wirklich darüber informiert sind, was mit ihren Daten passiert und in naher Zukunft möglich sein wird. Dies ist allerdings ein Problem, dass man mit stärkerer Aufklärung und nicht mit mehr Verboten angehen muss.

    Zusätzlich interessant ist das entstehende massive Ungleichgewicht zwischen Forschungsfortschritten in Research-Labs von Firmen mit Zugang zu umfangreichen, reichen Datensets und öffentlicher Forschung die über keine vergleichbare Datengrundlage verfügen. Dies führt zu asymmetrischen Fortschritt zwischen öffentlich zugänglicher Forschung und nicht veröffentlichter Forschung in privater Hand.
    #3 Christian Scholz am 07/02/10 um 11:43 [Antwort]
    *Generell denke ich auch, dass wir mal ein anderes Herangehen an die Datenschutzproblematik benötigen. Und damit meine ich, dass es nicht nur Datenschutz des Datenschutzes Willen sein kann (oder weil ein paar Richter in der vor-Internet-Zeit mal etwas wie “Informationelle Selbstbestimmuing” definiert haben).

    Wie Andreas schon sagte, sehen viele Nutzer ja mehr Nutzen als Probleme beim Preisgeben ihrer Daten (mich eingeschlossen) und mich würden daher auch eher die konkreten Probleme interessieren, die auftreten können. Meist hört man ja leider nur von einem irgendwann bestimmt stattfindenden Super-GAU, der nun kommen mag oder nicht.

    Sicherlich kann man schlecht abschätzen, was in 20 Jahren dann mit den Daten möglich sein wird, aber genauso wenig kann man abschätzen, wie sich die Gesellschaft weiterentwickeln wird. Ich persönlich denke da eher, dass sie sich schon anpassen wird.

    Ob man das Rad in die Zeit vor der Datenflut wieder zurückdrehen kann, bezweifel ich sowieso. Deswegen sollte man zumindest als Plan B überlegen, was wir denn notwendigerweise regeln müssen (und wie), wenn die Bevölkerung weiterhin so “doof” ist und einfach alles selbst überall einspeichert.

    Dabei sollten wir aber auch beachten, dass wir hier in Deutschland keine Insel sind und dass wir evtl. auch nicht unseren kompletten Internetmarkt durch rein nationale Regelungen lahmlegen sollten (wenn er das nicht schon wäre, heisst das ;-) ).
    #4 ebook leser am 07/04/10 um 06:19 [Antwort]
    *ach seit deutschland auf dem weg ist weltmeister im fussball zu werden, was sind das dann für probleme. ich glaube eurokrise oder datenschutz. wir sollten alles nicht so eng sehen.
    #5 Dani am 08/24/10 um 06:39 [Antwort]
    *Nun ja,

    wir leben im Informationszeitalter.

    Also “Information = Macht”?

    Ist diese Macht aber noch demokratisch legitimiert, wenn sie in die Hand von privaten Wirtschaftunternehmen wandert, und mehr oder weniger freiwillig abgegeben wird?

    Zweitens: Wäre es nicht ein absolutes Novum in der Menschheitsgeschichte, wenn Macht nicht auch früher oder später mißbraucht wird?

    Drittens: Könnte sich Google im Mißbrauchsfalle, oder weiteren Unsympathieerregungen selbst den Ast absägen, auf des es sitzt?

    Was wäre, wenn die Leute langsam verstehen, was genau da insgesamt im Internet vor sich geht und welche Rolle sie und ihre Daten dabei spielen, und das Internet dann vielleicht eventuell zukünftig kritischer und selektiver benutzen - von wegen “faktischem Geschehenlassen-Müssen”?

    Und z.B. sich Subkulturen bilden könnten, in denen das gesprochene Wort, der Papierbrief oder das Papierfoto wieder an Gebrauch zugewinnen könnte, und nur noch Allgemeinstes und Unpersönlichstes über das Internet abgewickelt wird oder Proxy’s genau zu dem Standard werden, der Pop-Up- und Ad-Blocker heute schon sind?

    Vielleicht gewinnen nach 500.000 YouTube-Videos, MP3-Ordnern, überblitzten Digicam-Knipsbildchen, oder Facebook-Statusmeldungen und oberflächlichen “Guck-mal-was-ich-gefunden-habe”-Profilierungs-Links auch Dinge wie Theaterbesuche mit “echtem Schauspiel”, Vinylschallplatten oder Offline-Diskussionsabende wieder mehr an Aura und Erlebniswert.

    Und das Internet erstickt sich vielleicht selbst mit seiner immer unüberschaubareren “Spamflut” an Flash-Bannern, Social-Network-“Freundesanfragen”, Statusmeldungen und Twittereien, Meldungen, Meinungen, Kommentaren, Links, RSS-Feeds, Messenger-Chats, Surfvorschlägen, Newslettern, Viagra-Werbemails, Schnäppchenangeboten und Einkaufstipps.

    Lt. einigen Anthropologen sei der Mensch dafür ja eigentlich eh gar nicht geschaffen, und reagiere mit Dauerstreß und Herzkrankheiten.

    Also vielleicht regelt sich das auch so wieder runter, und mehr als “2 Minutes Of Fame” sind ja bald auch nicht mehr drin, bei immer mehr Inhalten und online-aktiven Menschen.
    Der Tag hat ja auch weiterhin nur 24 Stunden.

    Dann würde Eric Schmidt’s Vision zumindest nicht mehr so ganz aufgehen, und es dürfte also auch ein wenig in der Hand der Datensammler und deren Datengebraucht/Mißbrauch liegen.

    Fünf-Zehn-Zwanzig prominente Fälle von Unschuldigen in U-Haft, die Dank Datensammlern da reingewandert sind, könnten dann eventuell reichen, um das Nutzungs- und Mitteilungsverhalten entscheidend zu beeinflussen und zu verändern.
    Schließlich hat jeder schonmal MP3’s oder Filme runtergeladen, oder mal bei irgendwelchen Sekten oder politischen Randlagern vorbeigesurft, und Deutschland/Europa/Nordamerika ist halt auch nicht Guantanamo-Bay.

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

:'( :-) :-| :-O :-( 8-) :-D :-P ;-) 
Twitter/Gravatar/Favatar/MyBlogLog/Pavatar Autoren Bilder werden unterstützt.

  Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!

tweetbackcheck