Unter der Überschrift „Gesichtserkennung: Machen, was machbar ist?“ fragt @Johanstormarn:

„Datenschutz ist ein wichtiges Thema, aber es ist absehbar, dass die Macht des Möglichen den Datenschutz in der heutigen Form außer Kraft setzen wird. Wenn also die normative Kraft des Faktischen zuschlagen wird, warum dann nicht heute schon den Nutzen nutzen?“

Dieselbe Frage habe ich mir auch schon gestellt (siehe in diesem Zusammenhang Lächerliche Lex Google: OpenLiveStreetView3D wird kommen und Laßt uns über die wirklichen Probleme reden…).

Hinsichtlich der Frage, warum Google zwar (selbstverständlich) technisch über hochwertige Bilderkennungstechnologie verfügt, diese Endnutzern auch via Picasa verfügbar macht, sie aber bei Diensten wie Google Goggles bewußt unter Hinweis auf Datenschutzproblematiken nicht aktiviert, vermute ich, daß insb. Google nach den Erfahrungen mit zunehmender Problematisierung seiner (All)macht (Krake, Analytics, StreetView, unameit) neue Funktionalitäten vermutlich nicht mehr ganz so blauäugig-naiv-technobegeistert aktiviert, weil es weiter am “don’t be evil”-Slogan zehren würde. Sprich: Google verzichtet derzeit schlicht darauf, sich noch intensiver ins Visier von Datenschützern und Politik zu befördern.

Aber natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Google Gesichtserkennung im großen Stil implementieren wird. Ohnehin sollte man klar und deutlich sagen: Professionelle Gesichtserkennung ist jetzt ja schon für jeden machbar. Zum einen kann man mit Picasa sein eigenes Bildarchiv in kürzester Zeit scannen lassen; zum anderen wird aber niemand davon abgehalten, beispielsweise gezielt Websites, Feeds oder seinen Social Graph (bzw. darüber zugängliche Alben) automatisiert auszulesen und erkennen zu lassen — entweder durch Nutzung einer lokalen Picasa-Software quasi als Proxy (was angesichts der simplen Datenhaltung in picasa.ini-Dateien trivial ist) oder durch Nutzung von APIs wie der von face.com.

Wir sind also ohnehin auch hier an einem Punkt, wo schon jedem Einzelnen ganz erhebliche technologische (und kostenlose oder zumindest relativ extrem billige) Möglichkeiten zur Verfügung stehen (Möglichkeiten von denen Polizeien, Geheimdienste & Co vor ein paar Jahren noch geträumt haben). Und wenn es ohnehin jeder, also nicht nur Big Player, im großen Stil machen kann, stellt sich eben die Frage, was andere davon noch abhält und warum man sich nicht (fatalistisch?) dem Unausweichlichen ergibt.

Und der nächste Schritt ist ja auch absehbar: Es wird (falls es das nicht sogar schon gibt) sich ein Datenaustauschformat für Gesichts-/Personencharakteristika (denn bei reiner Gesichtserkennung wird es nicht bleiben: Mit mehr verfügbaren Daten (also Bild-/Video-/Tonmaterial sowie Zusatzinformationen (Social Graph, Lebenslauf-Daten aus Profilen, persönliche Routinen (Geo-Infos)) die die statistischen Erkennungswahrscheinlichkeiten verbessern) werden immer mehr Erkennungsmöglichkeiten kommen) etablieren, quasi Personenfingerprinting. In einer kleinen XML- oder JSON-Datei wird dann kompakt die mathematische Kodifizierung der Erkennungsparameter einer Person sein (so wie die biometrischen Merkmale eines Ausweises).

Wir landen also immer wieder bei einer Fragestellung: Wie gehen wir damit um, daß heutzutage Individuen Möglichkeiten haben, die früher weder technisch, noch kapazitativ oder finanziell selbst von Staaten nicht umgesetzt werden konnten? Wie soll ein deutsches Datenschutzrecht, daß primär auf Unternehmen und logischerweise auf nationale Regulierung zugeschnitten ist, auch nur ansatzweise noch wirksam sein können? Wie klar sind sich Politik und Gesellschaft in der Breite dieser Problematik bewußt?

Es mag zwar unbefriedigender Kontrollverlust für alle Beteiligten sein, aber ich fürchtevermute ähnlich wie Johan, daß die normative Kraft des Faktischen den Großteil der Diskussion schnell verobsoletieren wird. Ich sehe kaum ernsthaft umsetzbare Vorschriften, die die sich exponentiell beschleunigende Entwicklung in den Griff bekommen könnten, da der systemimmanente Gesetzeslag und die sich zwangsläufig ergebenden Vollzugsdefizite stetig größer und nicht kleiner werden werden.

Mein Leitmotto in diesem Zusammenhang ist:

„Herr, gib mir Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ich für meinen Teil werde versuchen, zu akzeptieren, daß bestimmte Entwicklungen kommen werden. Und ich werde diese dann nicht sinnlos verzögern wollen, sondern stattdessen die sich daraus ergebenden Chancen nutzen und helfen, die entstehende Risiken zu minimieren. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, diesen Wandel positiv mitzugestalten, der Technophobie keinen Vorschub zu leisten, sich den Herausforderungen mit positiver Grundhaltung zu stellen. Wir werden nicht drumherumkommen!


Nachtrag: Siehe auch Netzwertig: Technischer Fortschritt - heißes Eisen Gesichtserkennung.



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Kommentare


    #1 Steven am 03/23/11 um 09:18 [Antwort]

    *Vielen Dank für den Artikel. Wirklich sehr interessant!

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