Letztens, da ist es wieder passiert. Nix Böses ahnend bedudelt mich ein Radio. Doch dann. Das Grauen. Pur. Und ungefiltert. Der ganz offenkundig höchstkompetente Moderator des Hamburger Lokalsenders Alster Radio 106!8 sabbelt mir einem Anrufer und der sagt „Moin“. Was macht besagter Moderator? Er meint, daß es ja noch nicht ganz Mittag sei und man deshalb ja noch „Moin“ sagen könne. Arg. Oder wie wir bei Twitter sagen: #epic #fail

Daß vielleicht die eingefleischten Bajuwaren unter uns hie und da Interpretations- und Übersetzungsprobleme mit norddeutschem Vokabular haben, dafür habe ich vollstes Verständnis. Geht mir andersrum ja nicht wesentlich besser. Aber wenn Leute, die — so darf man doch wohl annehmen — im norddeutschen Sprachraum sozialisiert oder eben mit sprachlich nicht vollkommen irrelevanter Multiplikatorrolle beruflich tätig sind und dann so eklantante Fehler machen, dann bin ich sprachlos. Und auch ein bißchen entsetzt. So von wegen Bildungsnotstand, Untergang des Abendlands, allgemeiner Kulturpessimismus und so. Ihr wißt schon… :-)

Moin

Aaaalso, mal gaaaanz langsam zum Mitschreiben: Das Wort „Moin“ ist eine hochentwickelte und sehr aussagekräftige Begrüßungsformel, die zu jeder Tages- und Nachtzeit verwendet werden kann. Ich wiederhole: Zu absolut jeder Tages- und Nachtzeit. Denn die etymologische Herkunft des Wortes ist nicht „Morgen“, sondern es stammt von „moi“=„gut“ ab und heißt daher so viel wie „einen Guten“ [Morgen|Mittag|Tag|Abend].

Moin ist eben ganz simpel. Kurz. Effizient. Norddeutsch halt. Wie das Land. Wie Plop ;-)

Moin-Moin und Moinsen

Als Erweiterung zu Moin gibt es dann noch das Moin-Moin. Aber Vorsicht: Wer Moin-Moin sagt, gilt gemeinhin als ein wenig zu redselig, mitteilungsbedürftig oder gar aufdringlich. Er fällt dann in die Kategorie Quasselkmors (höflich übersetzt: Laberbacke). Moin-Moin wird daher eigentlich nur verwendet, wenn man ein Gespräch anbahnen oder gar aufdrängen möchte. Eine Sache, die man mit dem Norddeutschen an sich nur sehr diplomatisch angehen sollte.

Außerdem gibt es dann noch Moinsen. Moinsen wird meist verwandt, um eine Gruppe von Leuten anzusprechen oder das Moin zu betonen, ohne eben ein ewig langes Moin-Moin in epischer Breite aufwendig zu formulieren.

Norddeutsches Dehnungs-C

Im Zusammenhang mit den großen Mißverständnissen Norddeutschlands möchte ich bei dieser Gelegenheit eine weitere hochwichtige Problematik nicht unerwähnt lassen, weil zu befürchten ist, daß sie langsam zu verschüttetem Wissen wird: Das norddeutsche Dehnungs-C (im ck). Ähnlich wie das Dehnungs-E, welches in Soest, Coesfeld, Bad Oldesloe etc. Verwendung findet, dehnt ein norddeutsches Dehnungs-C vor einem k den vorangehenden Vokal. Das klassische Beispiel ist Mecklenburg [ˈmeːklənˌbuɐç]. Auch wenn man landläufig MeckPom wie einen McDonalds-Burger ausspricht: Das erste e in Mecklenburg gehört lang. Wie auch in Bleckede oder Lübeck. Kein Witz. Oder ursprünglich auch Barmbeck, welches (wie viele andere Ortsnamen) extra deswegen in Barmbek umbenannt wurde. So hat auch Thomas Mann zwecks Verständnis den Namen Buddenbrock sicherheitshalber in Buddenbrook geändert, um alle Fehlaussprachen auszuschließen.

Zur weiteren Lektüre hinsichtlich dieser Thematiken empfehle ich:

Außerdem interessant für den norddeutschen Sprachraum insb. mit Blick auf das Plattdeutsche:

Eine kleine Bitte habe ich noch: Wenn ihr — insb. in Radio oder Fernsehen — ein fehlausgesprochenes Dehnungs-C oder ein fehlinterpretiertes Moin etc. hört: Bitte schickt den Verantwortlichen eine Mail, twittert das usw.; nicht, um oberlehrerhaft Schlaubischlumpf zu spielen, sondern um die Schön- und Eigenheiten des Norddeutschen zu erhalten! Danke!



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Kommentare


    #1 Mathias am 08/14/10 um 09:39
    *In diesem zusammenhang könnte man auch mal “Petu” näher betrachten.Da kennen sich die Flensburger ganz gut aus.

    ;-)
    #1.1 Stecki am 08/14/10 um 09:44
    *Allerdings ein interessantes Thema. Wobei ich da regionalbedingt nicht so nah dran bin. Bin das erste Mal über http://de.wikipedia.org/wiki/Petuh gestolpert, als ich über die Oma aus NVSE las http://de.wikipedia.org/wiki/Renate_Delfs die sich für das Tantendeutsch aktiv einsetzt!
    #2 SusiLuise am 09/05/10 um 12:49
    *Endlich spricht mal jemand Tacheles!
    Schön ist auch das V im Sprachgebrauch.
    Im Norden wird das V wie F! gesprochen. Siehe auch bei WilhelmshaVen oder *BremerhaVen*.
    Dann heißt es auch V(F)erden, V(F)echta und Jev(f)er!!! Und es ist kein W zu hören bitte!
    Verden kommt ursprünglich von der Fuhrt in der Aller...und nicht vom Pferd!

    Vielen Dank!
    #3 Niowi am 04/17/14 um 07:39
    *Hallo, über die unkorrekte Aussprache beim Dehnungs-ck bin ich auch entsetzt. Insbesondere bei “Lübeck” fällt es mir immer wieder auf.

    Danke für die sehr gute Erläuterung.

    Wan stirbt der “Sonnabend” aus? Lange kann es sicher nicht mehr dauern...

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