Zu kurz gesprungen, Eric Schmidt

Montag, 16. August 2010

In Google and the Search for the Future im WSJ gibt es lesenswerte Einlassungen von Google-CEO Eric Schmidt zur Zukunft des Internets:

“Mr. Schmidt is surely right, though, that the questions go far beyond Google. “I don’t believe society understands what happens when everything is available, knowable and recorded by everyone all the time,” he says. He predicts, apparently seriously, that every young person one day will be entitled automatically to change his or her name on reaching adulthood in order to disown youthful hijinks stored on their friends’ social media sites.”

In der Tat dürfte fraglich sein, ob allen klar ist, was das Elefantengedächtnis des Netzes für uns in der Zukunft bedeuten wird. Denn Jahr für Jahr werden Menge und Aussagekraft der über uns verfügbaren Information genauso steigen wie die automatischen Aggregations- und Auswertungsmöglichkeiten dieser Daten — insbesondere unter dem Gesichtspunkt der sich selbst beschleunigenden technologischen Entwicklung (zum Themenkomplex Exponentialität und Technologische Singularität werde ich beizeiten auch mal ausführlicher schreiben).

Die obigen Aussagen von Eric Schmidt sind in der interessierten Öffentlichkeit als recht wagemutig aufgenommen worden, bemerkenswerterweise allerdings nur aufgrund ihrer — sagen wir mal — Unkonventionalität. Dabei beunruhigt mich weniger der Vorschlag an sich, als die Tatsache, daß offenbar auch der Google-Chef höchstselbst nur sehr unklare Vorstellungen über diese Zukunft hat. Ganz inbesondere läßt er (bewußt?) außer acht, daß eines der zentralen Privatsphären-Probleme der Zukunft eben nicht die plumpe namensbasierte Archivsuche sein wird. Diese ließe sich in der Tat vermutlich durch (ggf. mehrfache) Namens-/Identitästwechsel einigermaßen in den Griff kriegen, auch wenn dafür bisher kein gesellschaftlich-kulturelles Fundament besteht.

Die wichtigere und schwierigere Frage aber stellt und beantwortet Schmidt nicht: Was passiert mit den aus archiviertem und auswertbaren Aufmerksamkeits- und Geolokalisierungsdaten, Bild-/Ton- und Video-Material von Personen (siehe hierzu Gesichtserkennung: Normen vs. normative Kraft des Faktischen)?

Denn Nutzungs- und Bewegungsprofile lassen sich ebenso wenig mal eben austauschen wie vor allem unser Aussehen und unsere Stimme. Ich kann mir kaum vorstellen (aber vielleicht reicht da schlicht meine Imaginationskraft nicht), daß wir später alle paar Jahre rein prophylaktisch nicht nur unseren Namen ändern, sondern auch noch plastische Chirurgie an uns vornehmen lassen.

Es gilt also die Frage zum Umgang mit biometrischen und anderen (un-)mittelbar persönlichen/personenbezogenen Daten noch wesentlicher unter diesen Gesichtspunkten zu diskutieren. Vor allem erwarte ich von großen Datenaggregatoren aber natürlich auch von Datenschützern und Politik, daß sie sich mit diesen Fragen beschäftigen — und zwar in einem transparenten Verfahren. Bisher hat leider insbesondere die deutsche Diskussion zu StreetView & Co gezeigt, daß man Entwicklungen nicht bemerkt, bevor alles schon passiert ist. Daraus müssen wir dringend lernen!


Nachtrag: netzpolitik.org hat das Thema auch aufgegriffen und verweist auch auf Danah Boyds Ausführungen über den Aspekt des Reputationsverlusts.


Es dauert ganz schön lange, bis die deutschen News sowas aufgreifen:



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    Aufgenommen: Aug 17, 21:25

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