Was der Bürger nicht weiß…

Dienstag, 14. September 2010

Endlich beschäftigt sich mal eine Lokalzeitung mit einem Thema, das mich schon lange stört: Mangelnde polizeiliche Informationen über Kriminalität vor Ort.

Die Ahrensburger-ZeitungStormarn-Beilage des Hamburger Abendblattes berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über eine besonders dreiste Einbruchserie in Großhansdorf (Einbruchserie beunruhigt Großhansdorfer — Täter reißen Tresor heraus, während die Hausbesitzer Besuch haben. Polizei hält Fälle unter Verschluss, um die Bürger nicht zu beunruhigen / Kommentar: Information ist auch Prävention).

Auf diese wurde die Zeitung offenbar erst durch Information eines Betroffenen aufmerksam; eine offizielle Mitteilung der Polizei zu der Serie gab es nicht. Und zwar nicht aus ermittlungstaktischen Gründen, für die man als Bürger vielleicht Verständnis haben würde, sondern weil die Polizei offenbar besser als die Bürger weiß, was diese interessiert:

Aber weshalb verschweigt die Polizei Einbrüche? Polizeisprecher Holger Meier sagt dazu auf Anfrage: “Eine solche Berichterstattung würde aus unserer Erfahrung heraus eher zu einer Verunsicherung der Bürger führen, als dass sie der Prävention diente.” Außerdem habe die Polizei die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und den Datenschutz zu beachten.

Es ist also nach Ansicht des Polizeisprechers keine Prävention, vor solchen Deliktserien — insb. wenn sie offenbar einen speziellen modus operandi haben — zu warnen? Man kommt offenbar auch nicht auf die Idee, daß man auf dem Wege der Veröffentlichung vielleicht sogar wertvolle Hinweise zur Tataufklärung erhalten kann. Jedenfalls aber würden Bürger zum einen für bestimmte Angriffsvektoren sensibilisiert. Und ganz unabhängig von Ermittlungstaktik, Prävention und Aufklärung: Der Bürger hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihn angeht. Die objektive Sicherheitslage in seiner unmittelbaren Umgehung gehört hier unzweifelhaft dazu. Dabei ist mir klar, daß das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger von der objektiven Lage abweichen kann. ABER: Es steht der Polizei(führung) nicht zu, dieses Sicherheitsgefühl durch bevormundende Unterschlagung von Informationen zu manipulieren.

Kommentator Alexander Sulanke schreibt mir aus dem Herzen, wenn er feststellt:

Das Beste nur für die Bürger, mehr will die Polizei nicht. Diese Bürger, die sollen nämlich nicht verunsichert werden, die sollen sich nicht so sehr aufregen. Deshalb müssen sie auch lieber gar nicht erfahren, dass in ihrem Viertel gerade besonders dreiste Einbrecher ihr Unwesen treiben. Nicht so sehr aufregen - dieser Ansatz dürfte wohl am ehesten unter Gesundheitsprävention zu verbuchen sein. Aber das ist nicht Sache der Polizei.

Ich möchte als Bürger wissen, was in meiner Nachbarschaft, in meinem Ort, in meiner Region usw. passiert. Das ist keine Sensationslust oder vulgäre Neugier, sondern Erfahrungs-, Diskurs- und Entscheidungsgrundlage in einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft. Ich möchte im Geiste von OpenData beispielsweise aktuelle und historische Kriminalitätsdaten zur Verfügung haben, die Mashups ermöglichen, um Städte, Viertel oder Straßen nach Häufigkeit/Verlauf von spezifischen Delikten in Relation zu anderen Daten (Einwohnerdichte, Art der Bebauung, Kaufkraft, Wetter etc pp.) darstellen und herausarbeiten zu können (siehe zB brennende-autos.de). Wenn ich ein neues Haus oder eine Wohnung suche (oder auch nur einen Parkplatz für den Kinobesuch), möchte ich herausfinden können, wie sicher die Gegend ist und ob dort besondere Kriminalitätscluster sind. Oder wenn ich vor Ort über Verkehrssicherheit diskutiere, brauche ich konkrete (vor allem georeferenzierte) statistische Daten zur Unfallsituation etc. pp.

Ich möchte mich nicht von einer Polizeiführung bevormunden lassen. Nicht der Staat weiß, was für mich gut ist. Ich weiß das — aber eben nur, wenn ich die relevanten Fakten kennen darf und kann.

Letztlich käme mehr Transparenz auch der Polizei und ihrer Arbeit zu Gute, weil ein realistischerer Blick für die Lage mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Mittelumschichtung zugunsten der Verbrechensbekämpfung wahrscheinlicher werden läßt. Und wenn die Polizeiführung diese Daten nicht herausgibt, können der Lokaljournalismus oder auch die Bürger durch Crowdbasierung selbst hier echten Nutzerwert schaffen, indem sie diese Daten quasi als Ersatzvornahme zentral aggregieren.

Also: Mehr Offenheit, Transparenz, OpenData!



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Kommentare


    #1 Henrik Bröckelmann am 09/14/10 um 12:55
    *Einen guten Anfang hierzu macht die Wiener Polizei: http://diepresse.com/home/panorama/wien/588403/index.do
    #1.1 Stecki am 09/14/10 um 01:05
    *Danke; in den USA und GB gibt es auch sehr gute Ansätze. Hierzulande scheint der Habitus ein anderer zu sein… ;-) Noch.

    Interessant ja auch die allg. lokal orientierten Angebote, die da so wachsen, http://www.everyblock.com/ & Co. Hyperlokaler Bürgerjournalismus steht vor der Tür.
    #2 Bernd Siebenbaum am 09/18/10 um 10:07
    *Stimmt! Es hat den Anschein, als ob die Polizei hier ihrer Informationspflicht nicht nachgekommen wäre. Insbesondere für Haus- und Wohnungseinbrüche, also Straftaten, deren Viktimisierungsrisiko durch die Bevölkerung als hoch perzipiert wird (im Gegensatz zu z.B. Mord oder Erpressung), erscheint das Interesse der Bevölkerung nach Informationen groß. Eine Informationspolitik verbunden mit präventiven Hilfestellungen wäre hier rückblickend einschlägiger gewesen als die Vermeidung von irrationaler Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung.

    Aber: Das Vorgehen der Polizei ist wenigstens in ihrem Grundgedanken nachvollziehbar. Die mediale Berichterstattung über bestimmte Kriminalitätsphänomene (mediale Wirklichkeit) führt nicht nur möglicherweise, sondern sogar bestimmt und zwangsläufig zu einer Abweichung von der Kriminalitätswirklichkeit und damit zu präventiven Schwerpunkten, die sich nur an dem individuell angenommenen Opferwerdungsrisikos ableiten und größtenteils unbegründet sind. In dem Eintrag entsteht der Eindruck, lediglich die Polizei nehme Selektionen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit vor - aber was ist mit den Selektionsprozessen der Medien (bspw. anhand des Nachrichtenwertes eines Ereignisses), denen wir tagtäglich ausgesetzt sind?! Auf die Möglichkeit zu hoffen, anhand der Medien ein Eindruck der “objektive Sicherheitslage” zu gewinnen, scheint vor diesem Hintergrund nahezu naiv - der Versuch, dieses über (vorher selektierte) Daten der Polizei zu erhalten jedoch ebenso (siehe link von Henrik Bröckelmann).
    Und selbst gemäß dem theoretischen Fall, alle objektivierbaren Daten würden tatsächlich zu einem annähernd realistischen Bild der Kriminalitätswirklichkeit (d.h. lediglich des polizeilich bekannten Hellfeldes) zusammengetragen, es bliebe das Problem, das wir diese Datenflut ohne eine bestimmte Auswahl vorzunehmen nicht erfassen könnten. Die Frage ist also nicht, ob sondern nur durch wen wir unsere Daten (vor-)selektieren lassen.

    Nein: Der Hinweis auf die “sehr guten Ansätze” in den USA und GB, die auf das Konzept einer umfassenden Kriminalitätsinformation auch bspw. über den Wohnort von Straftätern (“public naming - public shaming”) setzen, dürften zurecht als menschenverachtend und in Deutschland mit der Verfassung nicht zu vereinbaren (BVerfG E 98, 169, 200f)) betrachtet werden. Die Informationen über “Kriminalitätscluster” mag zwar für “die Wohnungssuche” für einige das vordringlichste Problem und daher ganz interessant sein, glücklicherweise werden in Deutschland so schnell keine “Kriminellencluster” abrufbar sein, wie sich es der Verfasser vielleicht gerne vorstellt.

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