Die Union und das Netz — ein Trauerspiel

Donnerstag, 11. August 2011

Unter dem prägnanten, aber leider nicht unzutreffenden Titel Mies, mieser, richtig schlecht: CDU-Seiten (unbedingt lesen!) hat @Johanstormarn stahlharte Nerven bewiesen, indem er sich einmal Internet-Auftritte der Union im Netz etwas näher angeschaut und die technische Basis untersucht hat. Und ich danke ihm für diese tapfere Tat, um die er nicht zu beneiden ist, denn ich weiß nicht, ob ich mir das in dieser Konsequenz angetan hätte.

Zunächst aber zitiere ich hier Johans Disclaimer, weil sie auch für mich gelten und ich sie auch nicht schöner formulieren könnte ;-)

[Disclaimer: Ich bin Mitglied der CDU-Schleswig-Holstein und versuche manchmal Tipps zu geben, was man besser machen könnte. Nicht alles davon wird umgesetzt, aber manches wurde schon umgesetzt, weshalb die CDU-SH.de vielleicht nicht so schlecht abschneidet, wie sie es vor ein paar Monaten getan hätte…]

[Disclaimer2: Auch diese Seite hat noch viel Potenzial in vieler Hinsicht. Aber: Es handelt sich um eine private Seite eines Ehrenamtlichen im Vorruhestand und nicht um eine Seite einer großen Volkspartei…]

Validierung, Semantik, Speed oder: Was läuft alles schief?

Johan hat die Seiten auf elementare technische Aspekte geprüft, von korrekten Status-Codes und zu Nicht-Validierung führende Fehler in HTML und CSS über Barriereunfreiheit und LahmarschigkeitGeschwindigkeitsproblemen bis hin zu grundlegenden semantischen Schwierigkeiten in Sachen Überschriftenlogik und Seitenbeschreibungen/-titel.

Sein Ranking deckt im Ergebnis den Bereich von schlecht nach noch schlechter über mies bis richtig mies ab. Insgesamt vermag keine Site in technischer Hinsicht auch nur ansatzweise zu überzeugen oder auch nur einen guten Eindruck abzugeben. Und auch wenn er selbst darauf hinweist, daß seine Untersuchung weder wissenschaftlich noch gründlich (das wäre vermutlich für den Untersuchenden auch zu schmerzhaft) ist, so stimmt sie und auch seine Schlußfolgerungen mit meinen Beobachtungen überein.

SEO, mobile, Struktur oder: Was noch alles fehlt…

Natürlich könnte man (Delegativ I) wenn man Zeit hat (Delegativ II) die Untersuchung noch verfeinern. Denn neben Standardkonformität, Barrierefreiheit, Geschwindigkeit und Grundsemantik wären ja viele weitere technische und strukturelle Aspekte interessant, um die technische Qualität zu bewerten (spontan fragt man sich, inwieweit die Sites optimal von Suchmaschinen ausgewertet werden können oder auf mobilen Geräten auch nur halbwegs nutzbar sind). Und viele andere Dinge wären schon auch interessant: Wie steht es grundlegend um Usability und Ergonomie? Sind die erzeugten URLs kurz, prägnant, les- und merkbar (und wie halten die Systeme es mit cool uris never change?)? Wie findet der Besucher die gewünschten Informationen? Funktioniert die Suchfunktion brauchbar? Sind die Informationen logisch strukturiert, gibt es Tags und/oder Kategorien oder vielleicht sogar Georeferenzierung? Wie steht es um Feeds, Microformats/Microdata/schema.org/openGraph-Tags etc.?

Fragen über Fragen…(ihr könnt das ja gerne mal systematischer angehen, ich habe da eine hinreichend fundierte Ahnung; und ja: inhaltliche Aspekte sind dabei noch nicht mal thematisiert)

Warum?

Am Ende aber grübelt man: Warum ist das so? Warum scheitern solche Sites häufig schon an den technischen Fundamenten? Ist den Machern nicht klar, daß eine formal-technisch defekte und/oder schlicht lahme Seite den Nutzer bestenfalls zumindest subliminal negativ voreinnimmt? Sind die teils gravierenden Konsequenzen hinsichtlich Auffindbarkeit durch Suchmaschinen und damit Sichtbarkeit im Netz bewußt? Kommt es den Verantwortlichen überhaupt in den Sinn, daß Seiten, die nur unter erschwerten Bedingungen oder mit erhöhtem Aufwand gefunden und aufgerufen werden können, weit unter Potential liegen? Daß man seine Inhalte nicht an den Mann bringt, wenn man Menschen durch mangelnde Mobilunterstützung oder Unzugänglichkeit mangels Barrierefreiheit ausschließt? Und daß man seine Informationen nur schlecht (insb. nicht viral und schnell) streuen kann, wenn An- und Einbindungsmöglichkeiten in Soziale Netzwerke fehlen?

Einfache Antworten gibt es darauf sicher nicht. Aber wer in Slate Overdone – Why are restaurant websites so horrifically bad? gelesen hat, kann einige der dort herausgearbeiteten Gründe auch im politischen Umfeld finden.

Meine persönliche Erfahrung zeigt, daß die Ursachen unter anderem (nicht abschließend) in einer Melange folgender Problemkreise liegen:

  • Häufig wird eine Webpräsenz als notwendiges Übel gesehen. Muß man haben. Darf aber nichts kosten. Und auch keine Arbeitszeit binden. Entsprechend folgt daraus eine finanziell, konzeptionell und personell problematische Prioritätensetzung.
  • Dies ist den Verantwortlichen (lies: Vorständen) in der Regel nicht einmal (zumindest nicht in vollem Umfang) klar, da sie gar kein Gefühl für die Materie haben. Wenn überhaupt, nutzen Sie nur kleine Teile des Netzes. Vielleicht bisserl Email. Mal was googlen (Vanity-Searches?). Gelegentlich mal eine Website anschauen. Aber eben auch nicht ernsthaft nutzen, sprich: Keine Feeds abonniert haben, alles nur oberflächlich erleben.
  • Die mangelnde Erfahrung möchte ich dabei niemandem vorwerfen. Denn natürlich sollen Politiker primär ihren eigentlichen Job machen (bitter wird es, wenn Netzpolitik zum Betätigungsfeld gehört, aber das ist eine andere traurige Baustelle). Und wenn sie das mit alten Mitteln und Werkzeugen tun wollen, dann soll das eben so sein. Daß dies nicht zeitgemäß ist, ihnen dabei viele wichtige Erfahrungen und viel Austausch fehlt, ist dann eben so. Nur: Dann sollen sie eben bitte auch nicht entscheiden, wie ein Internetauftritt auszusehen hat.
  • Neben (in technischen Internetfragen) inkompetenten Entscheidern liegt eine Ursache natürlich auch in Dienstleistern, die es sich leicht machen. Sieht die Seite nett aus, ist alles gut. Ob dahinter technisch alles zusammenbricht oder nicht, bekommt der Kunde ja nicht mit. Und ob bzw. wie die Seite genutzt wird, ja auch nicht wirklich (Johan hatte hier auch extra über Trackingtools geschrieben: Ich persönlich glaube, daß nur ein minimaler Bruchteil der Daten überhaupt zur Analyse genutzt wird).

Was tun?

Offengestanden bin ich hier fatalistisch. Denn ich beschäftige mich seit bald zwei Jahrzehnten mit der Thematik Internet und Politik. Zwar geht es (natürlich) in der Politik auch Stück für Stück voran. Aber eben auch zu langsam. Denn der Rest der Welt bewegt sich schneller vorwärts. Sprich: Auch wenn natürlich die Internet-Auftritte von heute nicht mehr so mies sind wie vor einigen Jahren, sind sie gemessen an zeitgemäßen Präsenzen relativ mieser.

Vor allem scheint Online-Kommunikation nach wie vor zu wenig strategisch ausgelegt. Und nach wie vor sieht man mindestens in der Union Websites wie früher primär als Visitenkarte mit paar Kontaktinfos und etwas News-Broadcasting. Ohne Interaktion und Partizipation als Schlagwörter überstrapazieren zu wollen, müssen Parteien im Internet lernen, auf gleicher Augenhöhe mitzukommunizieren. Sie müssen also auch zuhören und antworten. Und sie müssen echte Transparenz schaffen. Die Zeiten bloßen Rauspustens von Pressemitteilungen ist lang vorbei. Auch die professionelle Politik muß das Internet als echte Arbeitsplattform (nicht als Alibi) erkennen und nutzen. Funktionäre und Mitglieder müssen befähigt, geschult und motiviert werden. Ich kenne viele Leute, die sich gern mehr einbringen würden, denen aber schlicht die Werkzeuge und das Wissen fehlen.

Wo sind denn die Verbände in der Union (neben meinem eigenen kleinen Ortsverband), die für Mitglieder (aber gern durchaus auch offen) Wikis als institutionalisiertes Gedächtnis nutzen oder kollaborativ in Docs oder Etherpads Dinge erarbeiten?

Bottom-Up funktioniert hier nicht unbedingt immer, solange übergeordnete Ebenen/Vorstände bestimmte Dinge einfach totlaufen lassen bzw. nicht ernst genug nehmen, um entsprechende Priorität einzuräumen. Wenn die Union den Anschluß nicht verlieren will, muß etwas geschehen.

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit…



Dieser Text ist mir etwas wert:

Trackbacks


Trackback-URL für diesen Eintrag
    Keine Trackbacks

Kommentare


    #1 Christian am 08/11/11 um 04:51
    *Da wird auf jeden Fall ein enorm wichtiges Problem angesprochen. Ich bin ja quasi nebenbei noch als “Webmaster” für die CDU Wernigerode tätig und habe auf allseitigen Wunsch bei Übernahme der Seite damals das von der Bundes-CDU zur freien Verfügung gestellte Grunddesign verwendet - das war jedoch zu meinem nicht geringen Entsetzen so voller HTML- und CSS-Fehler, dass ich es erst mal gründlich “debuggen” musste, bevor ich die Seite zumindest erst mal ohne Fehlermeldung durch den Validator schicken konnte: http://www.cduwr.de. Ich nehme mal an, dass viele Verbände noch mit dieser oder älteren und noch stärker fehlerbehafteten Vorlagen arbeiten...

    Allein schon an den ganzen Personen-Accounts bei Facebook (Vorname: CDU; Nachname: Klein-Mierstedt) merkt man ja aber schon, dass diejenigen die die technische Verantwortung für entsprechende Webauftritte haben, sich nur oberflächlich mit den tatsächlichen Anforderungen auseinandersetzen. In anderen Parteien funktioniert das - sehr zu meinem Leidwesen - übrigens oft deutlich besser...
    #2 Dennis Klüver am 08/11/11 um 05:43
    *Ich dachte bis gestern, es trifft nur zu für meinen Kreisverband. Was ich jetzt sehe, macht mich echt betroffen. das alles so schlecht bei der CDU aussieht, hätte ich mir nicht vorstellen können.
    #3 Dekay am 08/13/11 um 11:33
    *Stecki, warst du nicht vor ein paar Jahren (?) Co-Autor eines internen Brandbriefs der die Online-Kampagnenfähigkeit der Landespartei kritisierte?

    Und: Glaubst du (und die anderen) eigentlich, die politische Konkurrenz es besser hat...?

    Ein parteiungebundener Politik- und Web-Nerd ;-)

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

:'(  :-)  :-|  :-O  :-(  8-)  :-D  :-P  ;-) 
Gravatar, Identica, Favatar, Pavatar, Twitter Autoren-Bilder werden unterstützt.

  Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!