Friedrich im netzpolitischen Tiefflug

Mittwoch, 30. November 2011

Heute fand in Berlin unter dem Titel „Digitale (Un)Kultur und Demokratie“ der 3. Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung statt. Ich hatte mich frühzeitig dazu angemeldet, war aber leider kurzfristig verhindert, was mich angesichts der Tatsache, daß neben einer Keynote von Jeff Jarvis auch eine netzpolitische Grundsatzrede von Innenminister Hans-Peter Friedrich angekündigt war, ziemlich ärgerte. Dankenswerterweise aber gab es einen funktionierenden Live-Stream (liebe KAS: Nächstes Mal bitte HTML5-Video nutzen mit Flash-Fallback), so daß ich weite Teile der Veranstaltung mehr oder weniger nebenbei schauen konnte. Nicht so toll, aber besser als nichts.

Chance vertan

Zur Rede: Man hatte schon den Eindruck, daß der Minister gekommen war, um etwas Positives über das Netz zu sagen. Die Kurzmeldung des Ministeriums titelte daher auch Friedrich sieht Chancen des Internets. Nur: Tut er das wirklich? Zunächst einmal ist festzustellen, daß man kein Heavy-User sein muß, um zu begreifen, welch grundlegender Wandel durch das Internet in Gang kommt. Dennoch offenbaren (sicherlich gut gemeinte) Aussagen wie die, daß seine 78-jährige Schwiegermutter begeistert über Skype mit ihren Enkeln kommuniziere und das Internet ja auch beim Auslandsaufenthalt seines Sohnes sehr hilfreich für den Familienzusammenhalt war, daß das Internet für ihn eher als Hilfsmittel verstanden wird, eher als graduelle Verbesserung von Möglichkeiten. Und natürlich ist dies das Internet auch. Aber es ist eben auch mehr als das, wesentlich mehr.

Das Internet ist mehr

Mal für Herrn Friedrich & Co: Das Internet ist mehr als ein besseres Telefon. Es ist mehr als ein besseres Fernsehen. Es ist mehr als ein besseres Fax. Das Internet reißt Hierarchien und Strukturen ein. Das klassische Sender-Empfänger-Modell ist nicht mehr. Das Internet emanzipiert Individuen, es gibt ihnen wesentlich mehr Möglichkeiten und Macht als früher. Es schafft Transparenz. Es entreißt Kontrolle. Es ermöglicht Teilhabe. Und als Resultat, Symptom von und Fundament technologischen Fortschritts verändert es die Rahmenbedingungen für Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft von Grund auf und nachhaltig.

Und es kommt noch schlimmer: Das ist alles erst der Anfang. Während Herr Friedrich noch „hin und wieder mit dem iPad ins Netz geht“ (oder wie Bärbel Höhn sagen würde „Internet guggt“), ist das dauerhaft Online-Sein für viele andere schon seit Jahren der Normalzustand. Da geht schon längst niemand ins Internet. Denn man ist die ganze Zeit drin. Und es ist eben auch kein anderer Ort mehr. Es ist da. Überall. Es ist quasi die Erweiterung des Ichs zum Exo-Brain.

Und es geht weiter. Längst sind wir auf dem Weg des Internets der Dinge, wo unsere Alltagsgegenstände integraler Bestandteil des Netzes werden, wo das Internet sprichwörtlich ubiquitär und allumfassend wird. Man kann nur erahnen, was das in Konsequenz bedeuten wird.

Exponentielle Entwicklung

Daher nochmal: Das ist erst der Anfang, genauergenommen sogar nur der Anfang vom Anfang. Man kann gar nicht häufig genug betonen, daß technologische Entwicklung (im Schnitt) sich selbst beschleunigt, also exponentiell entwickelt. Sprich: Der Blick zurück als Maßstab für Entwicklungsgeschwindigkeit ist ungeeignet. Ebenso wie die meisten Analogien stärker hinken als jeder Vergleich.

Um es anders zu sagen: Wer mit Methoden und Adaptionsrate von Gestern heute Politik für morgen machen will, hat schon verloren. Wer aber noch nicht mal wirklich im Heute angekommen ist, der sollte bitte ein anderes Hobby finden als ausgerechnet Zukunftsgestaltung.

Man kann das alles bösen Technikdeterminismus schimpfen und sich dagegen sträuben. Man kann auch die Augen verschließen. Oder sich auf den Kopf stellen. Es hilft alles nichts. Das Internet ist da. Es wird nicht wieder verschwinden. Und es nimmt keine Rücksicht darauf, ob man es toll findet oder nutzt oder versteht. Und daher wird der technologische Wandel stetig schneller. Und dieser wird gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen. Die Politik kann das versuchen, mitzugestalten. Ich würde das sehr begrüßen. Das setzt aber Kenntnis der Entwicklungen, Weitsicht und nach vorn gerichtetes Denken voraus.

Nach vorn denken

Wer — wie Friedrich in seiner Rede — ständig fast sentimental davon redet, wie es damals™ war und wie es jetzt sei (wohlgemerkt: Das Jetzt des Herrn Friedrich, nicht das Jetzt der Fortschrittlichen), der zeigt nur, daß er nicht wirklich verstanden hat, worum es geht. Der zeigt, daß er nicht erkannt hat, daß wir an einem Gesellschafts- und Politikentwurf arbeiten müssen, der zukunftsfähig ist. Daß wir netzpolitisch eben auch über den Tag denken müssen.

Man verstehe mich nicht falsch: Ein Innenminister soll sich um Extremismusbekämpfung im Jetzt kümmern. Und er soll alles tun, um dafür zu sorgen, daß Menschen Teilhabe am politischen Prozeß und der technischen Entwicklung haben, daß unser Land ein zukunftsfähiges Netz hat (und nicht das, was heute unter Breitbandinitiativen verstanden wird, die nicht vom Fleck kommen). Aber es muß eben weit darüber hinausgehen (einige Impulse dazu gab Jeff Jarvis, dessen Rede hoffentlich in voller Länge zur Verfügung gestellt wird; unten ein kurzes Interview der KAS mit ihm). Ich hoffe sehr, daß die Politik insb. in der Führungsriege begreift und dokumentiert, daß sie verstanden hat. ich kann verstehen, daß man vor lauter drängender Tagespolitik manchmal den Blick über den Tellerrand versäumt. Es darf nur nicht sein, daß unser Land deshalb den Anschluß verliert. Daher bin ich der KAS dankbar, daß sie mit dem Demokratie-Kongress ein wichtiges Zeichen gesetzt hat, das hoffentlich hilft, die Diskussion dort in Gang zu bringen, wo sie geführt werden muß.


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Kommentare


    #1 Herb Flintstone am 11/30/11 um 11:24
    *War auch sehr entteuscht und musste ihm gleich einen zugegebenermaßen bitterbös - sarkastischen Brief schreiben. Findest ihn in meinem Blog.
    Es sit besorgniserregend, wie wenig Gedanken er an die Möglichkeiten des Netz er verschwendet. Sein Horizont hat die größe einer 1 Euro Münze. Das Einzige, worauf man sich bei ihm verlassen kann, ist die gebetsmühlenartig vorgebrachte Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung.
    Schade, dass das I-Net in sein Ressort fällt. Könnte nicht jemand anders zuständig sein? Wie wäre es mit dem Verteidigungsminister. Der quatscht wenigstens nicht ganz so viel.
    Herzallerliebste Grüße
    Herb Flintstone
    #1.1 Malte Steckmeister am 11/30/11 um 11:25
    *Deinen Brief hatte ich vorhin schon mit Vergnügen gelesen ;-)
    #2 Herb Flintstone am 11/30/11 um 11:42
    *Freut mich, dass er gefallen hat, aber das konnte ich mir nicht verkneifen.

    Wer ihn sucht, hier der DL:
    http://herb-flintstone.blogspot.com/2011/11/ein-brief-bundesinnenminister-friedrich.html

    Hoffe das ist ok.

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