Eben habe ich, wie ein Wackeldackel nickend, mit großer Zustimmung den — ich möchte fast sagen: wegweisenden — Beitrag „Freiheit, Salzgitter und die Netzpolitik“ von Frank Bergmann gelesen.

Er beschäftigt sich zum einen mit der Frage, wie aus politischen Grundwerten eine zukunftsfähige Politik für die digitale Gesellschaft entwickelt werden kann.

Zum anderen spricht er aber ein Thema an, das wir [soge— bzw. selbsternannten] „Netzpolitiker“ zu häufig nicht intensiv genug im Blick haben:

“Es ist Aufgabe der Netzpolitiker die entwickelten Positionen argumentativ anhand der Grundwerte einer Partei zu untermauen und diese in alle Ecken der Partei zu tragen. Das wird leider noch viel zu selten praktiziert. Denn ja, es ist mühsam. Es erfordert viel Engagement und große argumentative Kraft.“

Allerdings. Schlimmer noch: Es erfordert auch die Offenheit des Gesprächspartners für Neues, den Willen, moderne Entwicklungen zu erkennen und zu verstehen und sich damit auch zu beschäftigen, sich diesen sogar auszusetzen, also Lernbereitschaft und Neugier. Es bedarf aber eben auch der entsprechend Zeit und Lehrer/Lernbereitschaft.

Es ist daher gut, einmal explizit daran zu erinnern, daß nur bzw. zumindest wir selbst durch eigenes vorbildliches Handeln viel tun können, um Verstehen und Verständnis, Akzeptanz und Einsicht zu fördern:

“Netzpolitiker dürfen nicht darauf hoffen, dass alle anderen in der Politik schon irgendwann begreifen werden, wie toll, frei, einmalig, demokratisch und wichtig dieses Netz ist. Wir müssen es schon jeden Tag mindestens einmal jemanden erzählen, von dem wir glauben, dass er es noch nicht weiß.“

Da ist wirklich mehr als nur etwas dran. Meine Beobachtung:

Wir bleiben chronisch zu sehr unter uns.

Wir (und ja: Den Schuh ziehe ich mir auch an) klopfen uns zu sehr selbst auf die Schulter, in Blogs, auf Twitter, Facebook, Google+ & Co, vergessen aber dabei, nach Außen zu wirken.

Wir müssen aufhören, im eigenen Saft zu schmoren.

Wir müssen Menschen für unsere Themens sensibilisieren.

Wir müssen Analogiker gegebenenfalls auch konfrontieren, um sie wachzurütteln.

Foren und Diskussionsrunden sind (Ausnahmen bestätigen die Regel) fast nie mit netzfernen-aber-inhaltlich-zuständigen Politikern besetzt. Oder wenn, dann werden nur ganz konkrete, tagesaktuelle Probleme besprochen (oder wie bei der Keynote von Innenminister Friedrich auf dem KAS-Demokratie-Kongreß kommt es gar nicht zur Diskussion). Deren Wichtigkeit und Tragweite möchte ich zwar auf keinen Fall kleinreden — und natürlich muß man diese Dinge durchdiskutieren — aber solange dabei die Analogiker gar nicht erfahren, wie schnell und tiefgreifend die Entwicklungen möglicherweise sind, werden sie nicht erkennen, was an ihren Analogiën-Analogien (ohne Trema wäre das Wortspiel wohl nicht verständlich) so nicht übertragbar ist auf die digitalisierte Welt und warum dies so ist.

Es gab zwar schon einige Weckrufe für die Politik, von Zensursula über Vorratsdatenspeicherung bis hin zum Einzug der Piraten in ein Länderparlament. Aber mein Eindruck ist, daß die zwar sicher den ein oder anderen Akteur der klassischen Politik zum Nachdenken bewogen haben mag, letztlich aber meist (wenn überhaupt) nur oder zumindest überwiegend zu taktischen Änderungen/Neupositionierungsversuchen in den Parteien geführt hat. Aufrichtige und nachhaltige inhaltliche Kursänderungen scheinen jedenfalls Mangelware zu sein.

Vermutlich bzw. möglicherweise liegt dies daran, daß vielen Menschen nicht klar ist, wohin die Digitalisierung führt. Sie haben in ihrem Umfeld und Alltag keinen hinreichenden eigenen direkten Kontakt, zu wenig Erfahrungen mit aktueller Technologie. Und schlimmer: Selbst wenn sie halbwegs unfallfrei mit zeitgemäßem Handwerkszeug umgehen können und digitale Kulturtechniken mindestens ansatzweise beherrschen, so fehlt dennoch der Blick für das Potential, die Richtung und vor allem die Geschwindigkeit technologischer Entwicklung (spannend dazu übrigens die schwarmbasierte Prediction of the Future of Computing der New York Times).

Sie halten viele Dinge für bestenfalls noch gaaanz weit weg oder gar irrealistische Science Fiction. Und da man diesen Netz-Irren dann ungern widerspricht, gibt es hier und da ein „Jaja, ganz toll“ plus 1-2 Lippenbekenntnisse — und das wars. An wirkliche Paradigmenwechsel durch das Netz glauben sie jedenfalls nicht, halten sie für marginal oder mit klassischen Methoden handhabbar, so als ob das mit diesem Internet nur ein Modeerscheinung wäre.

Also: Wir müssen (und das wohl mit Mitteln aus dem Web 0.0, damit es auch die „Zielsubjekte“ erreicht) an die „analoge Front“, müssen Menschen aufrichtig für den Blick auf das große Ganze interessieren, sie für Digitalisierung (zumindest die Beschäftigung mit dem Thema) begeistern.

Durch die digitale Gesellschaft muß ein Ruck gehen: Raus ins wilde Analogistan zum Missionieren! :-)



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    Wird Netzpolitik endlich erwachsen?
    Zum Jahresende stelle ich eine erfreuliche Entwicklung fest: Die Netzgemeinde kommt offenbar immer mehr zu der Einsicht, daß die bisherigen Strategien zu überdenken, die Zielgruppen und Methoden der Überzeugungsarbeit neu zu definieren sind. Vor ein paar
    Weblog: Stecki's Blog
    Aufgenommen: Dez 21, 16:34

Kommentare


    #1 Gibro am 12/19/11 um 08:52
    *Analogistan ist glaube ich gar nicht so das Problem. Es gibt sehr Viele digital visitors, also Menschen, die dem Netz zwar distant gegenüber stehen, aber wissen, dass sie nicht drum rum kommen. Aber wir dürfen auch nicht unterschätzen, das ein analoges Leben im digitalen nur dann denkbar ist, wenn man von der entsprechenden Hardware Konfiguration umgeben ist. Das digital und analog nicht mehr von einander trennbar sind, lässt sich dann nachvollziehen, wenn das Internet in der Hosentasche auch als solches wahrgenommen wird. Der Smartphone und Tablet Boom wird einen Beitrag leisten, aber erst in 2-3 Jahren wird es erfahrbar sein, sp war es zumindest mir mir. Menschen aus “ Analogistan” wissen ja häufig gar nicht wovon du sprichst.
    #1.1 Malte Steckmeister am 12/19/11 um 08:57
    *Vielleicht hätte ich klären sollen, daß mein Analogistan-Begriff auch die umfaßt, die zwar irgendwie auch Internet haben/nutzen, es aber rein konsumptativ bzw. als reines Werkzeug nutzen (mal eine Email ausdrucken), aber die Implikationen nicht blicken, weil sie es eben nur als besseres Fax, besseren Fernseher sehen.

    In der Tat wird deren Verständnis für digitale Lebenswirklichkeit sich ändern, wenn die Durchdringung sich ändert, wenn Netz also auch für diese Gruppe ubiquitär wird (und auch so genutzt wird).

    Und genau deshalb halte ich es für gar nicht mal so unsinnvoll, sie mit (zumindest für sie) harten Aussichten zu konfrontieren. Also deutlich zu machen, daß wir nur am Anfang des Anfangs des vielleicht bisher tiefgreifendsten Transformationsprozesses sind…
    #2 vera am 12/19/11 um 06:10
    *War auch hier Thema:
    http://wissen.dradio.de/internet-deutsche-parteien-links-und-rechts-vom-netz.126.de.html?dram:article_id=14070

    Und Recht haste.
    #2.1 Malte Steckmeister am 12/19/11 um 06:18
    *Hatte schon seit Wochen auf der todo-Liste, mal was dazu zu schreiben. Sonnabend hatte ich dann auch den c’t-Online-Talk bei DRadio Wissen gehört (siehe dazu auch http://blog.stecki.de/archives/279-Urheberrecht-Co.-Der-digitale-Riss-geht-quer-durch-die-Parteien.html ) und als dann Frank (Link siehe oben) auch noch mit dem Aufhänger geblogt hatte, mußte es raus ;-)

    Und jetzt müssen wir raus, raus aufs Land und in die Stadt und Analogiker bzw. zu zaghafte Digital Immigrants aufmischen ;-)
    #3 martin lindner am 12/21/11 um 05:16
    *mangels button hier: +1 (flattr-guthaben habe ich leider seit langem keins mehr, sonst hätte ich was beigesteuert.)

    was wäre wirksame formen, analogistan anzusprechen? also außer immer neue dicke bretter bohren in langwierigen gesprächen mit unwilligen opfern (das schon auch)?
    #3.1 Malte Steckmeister am 12/21/11 um 05:21
    *Um die digital-analoge-Ochsentour kommt man sicher nicht rum. Wobei steter Tropfen ja durchaus funktioniert und analoge soziale Netzwerke durchaus Schneeballeffekt erzeugen können, wenn wir es schaffen, einfache, klare Einsichten zu vermitteln, wo andere Aha-Effekt haben und sagen: Wow, so habe ich das noch nicht gesehen, das hat mir die Augen geöffnet.

    Auch ansonsten helfen zielgruppenbedingt eben primär klassische Methoden vom Leserbrief bis zum Bücher-schreiben, Vortragsveranstaltungen, Schulungen — wichtig eben: Vorher nachdenken, wie man an konkrete Multiplikatorenzielgruppen kommt.

    Entscheidend scheint mir dabei (hatte das ja auch in paar anderen Blogbeiträgen dazu geäußert), sich nicht zu sehr auf Tagespolitik zu beziehen (dann ist man schnell in den üblichen Gräben, es verschanzen sich alle auf festen Positionen), sondern Horizonte zu öffnen.

    Summa summarum: Wissensweitergabe, Befähigung, Leute zur digitalen Immigration bringen. Wer das Netz intensiv nutzt (nicht nur konseumiert), versteht schneller die Implikationen und denkt dann eben auch irgendwann anders.

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