Wird Netzpolitik endlich erwachsen?

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Zum Jahresende stelle ich eine erfreuliche Entwicklung fest: Die Netzgemeinde kommt offenbar immer mehr zu der Einsicht, daß die bisherigen Strategien zu überdenken, die Zielgruppen und Methoden der Überzeugungsarbeit neu zu definieren sind.

Vor ein paar Tagen hatte Frank Bergmann über Freiheit, Salzgitter und die Netzpolitik geschrieben und gemahnt:

„Netzpolitiker dürfen nicht darauf hoffen, dass alle anderen in der Politik schon irgendwann begreifen werden, wie toll, frei, einmalig, demokratisch und wichtig dieses Netz ist. Wir müssen es schon jeden Tag mindestens einmal jemanden erzählen, von dem wir glauben, dass er es noch nicht weiß.“

Ich mutmaßte da, daß er meine Notizen gehackt habe ;-) weil ich gerade ähnliches in der Pipeline hatte, nämlich meinen Aufruf „Der Kampf muß an die analoge Front“:

„Wir bleiben chronisch zu sehr unter uns.
Wir (und ja: Den Schuh ziehe ich mir auch an) klopfen uns zu sehr selbst auf die Schulter, in Blogs, auf Twitter, Facebook, Google+ & Co, vergessen aber dabei, nach Außen zu wirken.
Wir müssen aufhören, im eigenen Saft zu schmoren.
Wir müssen Menschen für unsere Themens sensibilisieren.
Wir müssen Analogiker gegebenenfalls auch konfrontieren, um sie wachzurütteln.“

Heute nun berichtet Stephan Urbach über sein Gespräch mit Peter Altmaier. Dabei zieht er ein deutliches Fazit und entsprechende Konsequenzen:

„Wir haben versagt. Wir haben konsequent versagt, unsere Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Nein, das ist nicht die Netzöffentlichkeit, sondern das sind die Printmedien, Nachrichtenmagazine und Talkshows im Fernsehen. Wir sind immer noch eine Minderheit, eine Elite, die den politischen Diskurs im Netz führt und zu Ergebnissen kommt. Wir führen den Diskurs untereinander, nicht mit dem politischen Gegner (damit meine ich, dass die wenigen Politiker, die sich den Diskurs im Netz antun, nicht repräsentativ sind) und wir führen den Diskurs nur in der Netzöffentlichkeit, nicht jedoch in den Medien, die die meisten Bürgerinnen und Bürger immer noch konsumieren: den Tageszeitungen, den TV- und Radionachrichten.

Man könnte jetzt argumentieren, dass dann doch einfach nur jeder Politiker bitte auch dem Diskurs im Netz folgen möge und sich dort mit einbringt. Diese Erwartungshaltung, die ich auch schon oft genug gehört habe, ist nicht nur arrogant, sondern auch gefährlich: Wir wollen etwas von ihnen, nicht umgekehrt! Dessen müssen wir uns wieder bewusst werden und auch unser Verhalten anpassen: Es ist nicht hilfreich, wenn hunderte Leute auf Twitter auf eine Person einschlagen und einen Shitstorm von epischen Ausmaßen auf diese Person niederprasseln lassen. Es ist nicht hilfreich, wenn wir arrogant davon ausgehen, dass jeder Politiker jede Debatte in jedem Detail kennen muss, nur weil sie im Netz verfügbar ist und wir das alles schon lange wissen. Es ist nicht hilfreich, wenn man dann noch schnell eine Stellungnahme eines Netzpolitikers zu einem bestimmten Sachverhalt haben möchte, wie ich es gestern auch erlebte. Das ist alles nicht hilfreich. Wir haben irgendwo unsere Erziehung verloren, Umgangsformen beiseite gelegt und so etwas wie Höflichkeit angefangen zu ignorieren.

Mich persönlich wundert es immer wieder, dass Politikerinnen und Politiker aus dem regulären Politikbetrieb noch mit uns sprechen – aber ich bin auch froh darüber.“

In der Tat: Immer häufiger konnte man den Eindruck gewinnen, daß es einigen Netzakteuren eher um arrogant-eitle Selbstüberhöhung ging (Wir, die Wissenden, die Elite), die es gar nicht mehr nötig hatten, mit Leuten vom analogen Ufer zu sprechen, diese gar von eigenen Standpunkten zu überzeugen oder womöglich zuzuhören, ob auch dort kluge Menschen sitzen, die vielleicht eigene Bewertungen, andere Maßstäbe oder gar valide Gründe haben (oder denen eben verdeutlicht werden muß, warum und nicht nur daß sie daneben liegen).

Vielleicht sind die „Flegeljahre“ der Netzpolitik ja tatsächlich vorbei und wir schaffen die Wende hin zu einer Diskussion, die Analogiker und Digitale Immigranten wirklich mitnimmt und uns in einer bessere digitale Zukunft führt.

Übrigens zeichnet sich auch auf der anderen Seite des großen Teichs eine ähnliche Wende ab. Clay Johnson (wahrlich kein Nobody schrieb kürzlich: Dear Internet: It’s No Longer OK to Not Know How Congress Works:

”If Congress is complaining that they don’t know about something that you care about, the right answer isn’t to tell them to go get educated. The right answer is to educate them. Congress mentioned the word “biologics” 75 times in a month because a lobbyist spent a long time doing their job: educating members of Congress on the needs of its industry.”

Ich denke, wir sind langsam auf dem richtigen Weg. Das ist eine gute und versöhnliche Nachricht, die mich für 2012 hoffen läßt!



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