Bekenntnisse eines Bibliomanen

Samstag, 16. August 2014

Oder: Sehnsucht nach dem Sinn der Seiten

„Im Narrentanz voran ich gehe, da ich viele Bücher um mich sehe, die ich nicht lese und verstehe.“ —Sebastian Brant: Das Narrenschiff, 1494

Büchernarr, Holzschnitt aus S. Brant: Narrenschiff, 1494
Der Blick in meine Bücherregale lähmt mich. So viele so vielversprechende Bücher warten dort. Sie wollen von mir gelesen werden. Ich wollte sie haben. Ich will sie lesen. Jedenfalls wollte ich sie lesen. Oder dachte ich das nur? Vanitas?

So oft habe ich dann schon angefangen. Zeugnis davon legen hie und da herumliegende angelesene Bücher ab — gewissermaßen Dokumente des Versagens. Dabei müßte man sie doch nur einfach — ein Buch nach dem anderen — lesen, frei nach dem Motto: Jede Lesereise beginnt mit dem ersten Buch. Müßte. Man. Nur. Einfach.

Nur: Was würde dieser Kraftakt bringen?

Natürlich: Es wäre neben der Anstrengung sicher auch (in den meisten Fällen) eine Freude. Jedoch überwiegt die Anstrengung. Denn sie ist real. Dabei geht es nicht allein darum, die Zeit und Kraft an sich aufzubringen. Schlimmer, ich bin müde und unkonzentriert. Es ist schwer, eine Seite ohne geistiges Abschweifen zu lesen. Absatz für Absatz täte ich mich gegen Gähnen-Galore und tränende Augen durch den Text kämpfen müssen. Und ja: Versteht man den Text, so erweitert es den Geist. Selbst wenn nicht, erweitert man meist zumindest sprachlich und thematisch den Horizont, hat dann immerhin viele Perspektiven auf Dinge gehabt.

Nur leider ist hier die Vergangenheitsform angebracht: Denn das alles, die größte Leseleistung bringt gar nichts, wenn man am Ende alles vergessen hat. Wenn man auf Seite x+1 nicht mehr weiß, was auf Seite x stand. Wenn man den Inhalt eines Buches bestenfalls notgedrungen mit einem hoch abstrakten Satz zusammenfassen, aber keine Gedankengänge, Argumentationen, Zusammenhänge, Streitfragen, Thesen und Ideen wiedergeben kann.

Vielleicht muß ich meine Buchsammlung als das nehmen, was sie tatsächlich ist: Eine teure, staubfangende Raumdekoration der Interessebekundungen aus totem Holz, die täglich mahnt und ein schlechtes Gewissen, ein Gefühl der Unfähigkeit induziert.

Fast ist es ein Glück, daß dieses Mahnmal nicht aus Stein ist.

Ich denke an Fahrenheit 451.

Aber Bücher sollte man nicht verbrennen.

[Ich frage mich: Ist ein ungelesenes Buch besser als ein verbranntes Buch?]

Trübsal.



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Kommentare


    #1 Andreas am 08/16/14 um 11:24
    *Ungelesene Bücher kann man natürlich auch viel positiver sehen. Sage nur: Taleb/Eco’s antilibrary: http://soobdujour.blogspot.de/2008/03/what-is-in-your-antilibrary.html

    Und im Zweifel gilt sowieso immer: “Vex not thy spirit at the course of things; They heed not thy vexation.” :-)
    #1.1 Stecki am 08/16/14 um 11:35
    *Antilibrary ist ein schönes Konzept, bin fast geneigt, es zumindest aus Gründen der geistigen Rationalisierung für mich anzuwenden ;-)
    #2 Thomas am 08/17/14 um 12:57
    *Mach’s doch wie ich: “Lies” nur noch Hörbücher. Mach ich bei Fußwegen, bei der Gartenarbeit, und sonst immer, wenn ich warte oder ähnliches. Funktioniert bei mir viel besser als Papierbücher.
    #2.1 Stecki am 08/17/14 um 01:09
    *Sowas funktioniert bei mir leider so absolut gar nicht. Weniger mangels Gelegenheit (obwohl ich wenig lange Wege gehe (bin ja nur fett, weil ich so bewegungseffizient bin *g*) und nur beim Rasenmähen zu soetwas käme), sondern weil der Text ja unabhängig von meinem Gedankenstatus fließt. Sprich: Hirn schweift ab, Text ist dann nur noch Berieselung. Beim Buch weiß ich dann wenigstens, wo ich wieder einsetzen muß. Leider; denn so bleibt auch die spannende Welt der Podcasts mir verschlossen.

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