Anti-Pro-Synchro, oder: Eine Lanze für die englische Tonspur
Montag, 16. Juli 2007
Bei den Fünf Filmfreunden lästert Renington Steele in seinem Beitrag Pro Synchro darüber ab, wie versnobt
es sei, Originalfassungen statt der ganz tollen Synchronfassungen von Filmen zu sehen:
Dennoch ziehe ich - vielleicht nicht jede, aber doch einige - Synchronfassung dem Original vor und es wird Zeit, dem Originalversionssnobbismus Einhalt zu gebieten. Jawohl.
Nachdem ich zunächst erstmal in Erfahrung bringen mußte, worauf das Wortspiel/Joke mit dem absichtlich falsch geschriebenen Pseudonym Renington Steele beruht (es stellt sich heraus, daß der Autor im wahren Leben René Walter heißt), hielt ich kurz inne, um zu analysieren, ob der Beitrag vielleicht ironisch gemeint sein könnte, da die Thesen für mich schlicht nicht nachvollziehbar waren. Aber außer dem oben zitierten Jawohl
ließen sich keine offenkundigen Ironiesignale finden und so gehe ich bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, daß der Text ernst gemeint ist.
Eigentlich könnte man sich doch recht sachlich mit der Thematik auseinandersetzen. Als erstes muß festgestellt werden, daß es bei der Diskussion in der Regel ja eigentlich “nur” um englischsprachige Originale geht, da der Anteil von anderssprachigen Blockbustern aber auch Leuten, die eine andere Fremdsprache als Englisch hinreichend fließend beherrschen signifikant geringer ist.
Auch wenn ich selbst neben Englisch noch Französisch, Latein (ok, ok, da ist die Filmauswahl SEHR klein) und Russisch in der Schule hatte, habe ich mangels Sprachpraxis nicht die geringste Chance, in den letztgenannten Sprachen einem Film folgen zu können. Beim Englischen sieht das aber bei mir ganz anders aus. Und da ist dann auch der Knackpunkt, der IMHO überhaupt diese leidige Diskussion ausgelöst hat:
Ich bin der englischen Sprache ganz ordentlich mächtig. Ich arbeite in einem amerikanischen Unternehmen und habe viel mit englischen Kollegen zu tun. Ich war dreimal in Amerika und fünfmal in England und rede, seit ich auf dem C64 in einer international angesehenen Cracker-Gruppe unterwegs war, regelmäßig in dieser Sprache. Dennoch ziehe ich - vielleicht nicht jede, aber doch einige - Synchronfassung dem Original vor und es wird Zeit, dem Originalversionssnobbismus Einhalt zu gebieten. Jawohl. Denn ich bin kein native Speaker, which means, ich muss in meinem Köpfchen die gesprochenen Zeilen immer noch übersetzen.
Auch wenn Renington hier eine ganz erheblich Latte an Erfahrung auflistet, scheint diese doch unterm Strich nicht besonders intensiv zu sein. Es gehören schon wirklich viel Training und Internalisierung dazu, eine Sprache zumindest so weit zu beherrschen, daß man eben gerade NICHT mehr Wort für Wort geistig übersetzen muß.
Batzmann, der den der ganzen Diskussion eigentlich zugrundeliegenden Ursprungsartikel Sprachfehler verfaßt hat, mein dazu sehr zutreffend:
Wenn ich Filme sehe oder Bücher auf Englisch lese, dann übersetze ich die eben nicht im Kopf auf deutsch, sorry. Und wer eine Sprache wirklich beherscht bei dem läuft das Verständnis automatisch ab. Ich muss keine dauernde Transferleistung vollbringen und auch in Dialekte kann man sich schnell einhören, genau wie man das in deutsche Dialekte auch kann.
Sprich: Wer in einer Sprache so ungeübt ist, daß er wirklich jeden Satz oder besser noch jedes Wort Stück für Stück übersetzen muß, dem sind Originalfassungen pauschal so in der Tat nicht anzuraten. Allerdinhgs hat das genauso wenig mit Diskriminierung zu tun, wie die explizite grundsätzliche Originalsprachempfehlung (die auch ich regelmäßig austeile) mit Snobismus. Denn es gibt viele gute Gründe, die Filme im Original zu sehen.
Terminologisc möchte ich an dieser Stelle übrigens einmal klar trennen zwischen Übersetzung und Synchronisation. Man kann das beides nicht einfach vermischen. Es gibt Filme, die hervorragend übersetzt aber saumäßig synchronisiert sind. Es gibt aber auch Filme, deren Übersetzung mit dem Original nur noch sehr peripher zu tun hat, die dafür aber geradezu perfekt synchronisiert sind. Bei ersteren merkt jeder Dussel, daß da was nicht stimmt. Bei letzterem leider nur die, die sich die Mühe machen, auch mal die Originalfassung zu sehen (oder die darüber stolpern, daß es inhaltliche Inkonsistenzen gibt; meist merkt man das gut bei Sitcoms: Das Zuschauerlachen ertönt, aber man fragt sich: Was zum Teufel soll jetzt komisch gewesen sein?!).
Es gilt die letztlich ja auch offensichtliche Grundregel: Je hochwertiger und anspruchsvoller ein Film ist, desto besser ist auch seine Übersetzung. Wo mit Liebe zum Detail, der nötigen Zeit und ausreichend Budget die deutsche Fassung produziert wurde, kann man letztlich mit beiden Versionen ganz brauchbar leben. Die deutsche Fassung hat den Vorteil, daß besonders extrem “slangige” Ausdrücke, die wirklich nur Muttersprachler richtig verstehen, meist passend übersetzt sind. Die englische hat dafür auch einen nicht zu unterscätzenden Vorteil: Jeder Schauspieler klingt immer gleich und zwar nach sich selbst (es ist erstaunlich, wie unpassend einige deutsche Stimmen sind und wie wenig sie manchmal mit dem Original zu tun haben). Natürlich gilt da: Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Aber wenn man erstmal John Cusack, Bruce Willis oder vor allem Owen Wilson im Original gehört hat, dann ist die deutsche Fassung (bei allem Respekt) nur ein billiger Abklatsch.
Nun kann man sagen: Mag ja alles sein, aber warum will mir ein Filmsnob aufoktroyieren, mich mit Originalfassungen zu qäulen? Nun: Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Man kann neben dem positiven Nebeneffekt eines gesteigerten cineastischen Erlebnisses ganz locker en passant sein Sprachverständnis und seinen Wortschatz aufbessern. Es kommt bekanntermaßen nicht von ungefähr, daß in Skandinavien, wo weit überwiegend Originalfassungen im Fernsehen liefen, die Leute ganz extrem besser englisch verstehen und sprechen können als hierzulande (aus diesem Grunde hatte ich früher mal im Netz die Initiative Zweikanalton angestoßen, zugegeben nicht sehr erfolgreich).
Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen und wenn Euch demnächst wieder ein Filmsnob das gewöhnliche „Im Original ist er aber tausendmal besser“ entgegenschleudert, dann schleudert ein lautes „Pah!“ zurück, gefolgt von einem „Dann hast Du ihn nicht richtig gesehen!“
Tja, lieber Renington...wenn Du so kategorisch die deutschen Synchronfassungen besser als die englischsprachigen Originale findest, dann kann ich leider nur sagen: Dann hast Du da irgendwas nicht richtig verstanden! ![]()
Zum Abschluß die Linksammlung, aber auch ein guter Tip: Man kann Fremdsprachenverständnis super trainieren, wenn man er anhand von Lieblings-DVDs, die man kennt und gern mal wieder sieht so macht, daß mehrfach mit englischer Tonspur sieht und dabei die ersten paar Male deutsche Untertitel, dann englische und später keine Untertitel anschaltet. Ich verspreche: Wenn man erstmal einigermaßen trainiert ist und wirklich versteht, was im Orginal gesprochen wird und wie, wird man sich fragen, warum man früher überhaupt mit deutschen Synchronisierungen auskam!
- Die Fünf Filmfreunde (Renington Steel): Pro Synchro
- Die Fünf Filmfreunde (Batzmann): Sprachfehler
- Initiative Zweikanalton
| Dieser Text ist mir eine kleine Burgerbeteiligung fü McSteck wert: |
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