Wird Netzpolitik endlich erwachsen?

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Zum Jahresende stelle ich eine erfreuliche Entwicklung fest: Die Netzgemeinde kommt offenbar immer mehr zu der Einsicht, daß die bisherigen Strategien zu überdenken, die Zielgruppen und Methoden der Überzeugungsarbeit neu zu definieren sind.

Vor ein paar Tagen hatte Frank Bergmann über Freiheit, Salzgitter und die Netzpolitik geschrieben und gemahnt:

„Netzpolitiker dürfen nicht darauf hoffen, dass alle anderen in der Politik schon irgendwann begreifen werden, wie toll, frei, einmalig, demokratisch und wichtig dieses Netz ist. Wir müssen es schon jeden Tag mindestens einmal jemanden erzählen, von dem wir glauben, dass er es noch nicht weiß.“

Ich mutmaßte da, daß er meine Notizen gehackt habe ;-) weil ich gerade ähnliches in der Pipeline hatte, nämlich meinen Aufruf „Der Kampf muß an die analoge Front“:

„Wir bleiben chronisch zu sehr unter uns.
Wir (und ja: Den Schuh ziehe ich mir auch an) klopfen uns zu sehr selbst auf die Schulter, in Blogs, auf Twitter, Facebook, Google+ & Co, vergessen aber dabei, nach Außen zu wirken.
Wir müssen aufhören, im eigenen Saft zu schmoren.
Wir müssen Menschen für unsere Themens sensibilisieren.
Wir müssen Analogiker gegebenenfalls auch konfrontieren, um sie wachzurütteln.“

Heute nun berichtet Stephan Urbach über sein Gespräch mit Peter Altmaier. Dabei zieht er ein deutliches Fazit und entsprechende Konsequenzen:

„Wir haben versagt. Wir haben konsequent versagt, unsere Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Nein, das ist nicht die Netzöffentlichkeit, sondern das sind die Printmedien, Nachrichtenmagazine und Talkshows im Fernsehen. Wir sind immer noch eine Minderheit, eine Elite, die den politischen Diskurs im Netz führt und zu Ergebnissen kommt. Wir führen den Diskurs untereinander, nicht mit dem politischen Gegner (damit meine ich, dass die wenigen Politiker, die sich den Diskurs im Netz antun, nicht repräsentativ sind) und wir führen den Diskurs nur in der Netzöffentlichkeit, nicht jedoch in den Medien, die die meisten Bürgerinnen und Bürger immer noch konsumieren: den Tageszeitungen, den TV- und Radionachrichten.

Man könnte jetzt argumentieren, dass dann doch einfach nur jeder Politiker bitte auch dem Diskurs im Netz folgen möge und sich dort mit einbringt. Diese Erwartungshaltung, die ich auch schon oft genug gehört habe, ist nicht nur arrogant, sondern auch gefährlich: Wir wollen etwas von ihnen, nicht umgekehrt! Dessen müssen wir uns wieder bewusst werden und auch unser Verhalten anpassen: Es ist nicht hilfreich, wenn hunderte Leute auf Twitter auf eine Person einschlagen und einen Shitstorm von epischen Ausmaßen auf diese Person niederprasseln lassen. Es ist nicht hilfreich, wenn wir arrogant davon ausgehen, dass jeder Politiker jede Debatte in jedem Detail kennen muss, nur weil sie im Netz verfügbar ist und wir das alles schon lange wissen. Es ist nicht hilfreich, wenn man dann noch schnell eine Stellungnahme eines Netzpolitikers zu einem bestimmten Sachverhalt haben möchte, wie ich es gestern auch erlebte. Das ist alles nicht hilfreich. Wir haben irgendwo unsere Erziehung verloren, Umgangsformen beiseite gelegt und so etwas wie Höflichkeit angefangen zu ignorieren.

Mich persönlich wundert es immer wieder, dass Politikerinnen und Politiker aus dem regulären Politikbetrieb noch mit uns sprechen – aber ich bin auch froh darüber.“

In der Tat: Immer häufiger konnte man den Eindruck gewinnen, daß es einigen Netzakteuren eher um arrogant-eitle Selbstüberhöhung ging (Wir, die Wissenden, die Elite), die es gar nicht mehr nötig hatten, mit Leuten vom analogen Ufer zu sprechen, diese gar von eigenen Standpunkten zu überzeugen oder womöglich zuzuhören, ob auch dort kluge Menschen sitzen, die vielleicht eigene Bewertungen, andere Maßstäbe oder gar valide Gründe haben (oder denen eben verdeutlicht werden muß, warum und nicht nur daß sie daneben liegen).

Vielleicht sind die „Flegeljahre“ der Netzpolitik ja tatsächlich vorbei und wir schaffen die Wende hin zu einer Diskussion, die Analogiker und Digitale Immigranten wirklich mitnimmt und uns in einer bessere digitale Zukunft führt.

Übrigens zeichnet sich auch auf der anderen Seite des großen Teichs eine ähnliche Wende ab. Clay Johnson (wahrlich kein Nobody schrieb kürzlich: Dear Internet: It’s No Longer OK to Not Know How Congress Works:

”If Congress is complaining that they don’t know about something that you care about, the right answer isn’t to tell them to go get educated. The right answer is to educate them. Congress mentioned the word “biologics” 75 times in a month because a lobbyist spent a long time doing their job: educating members of Congress on the needs of its industry.”

Ich denke, wir sind langsam auf dem richtigen Weg. Das ist eine gute und versöhnliche Nachricht, die mich für 2012 hoffen läßt!

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Eben habe ich, wie ein Wackeldackel nickend, mit großer Zustimmung den — ich möchte fast sagen: wegweisenden — Beitrag „Freiheit, Salzgitter und die Netzpolitik“ von Frank Bergmann gelesen.

Er beschäftigt sich zum einen mit der Frage, wie aus politischen Grundwerten eine zukunftsfähige Politik für die digitale Gesellschaft entwickelt werden kann.

Zum anderen spricht er aber ein Thema an, das wir [soge— bzw. selbsternannten] „Netzpolitiker“ zu häufig nicht intensiv genug im Blick haben:

“Es ist Aufgabe der Netzpolitiker die entwickelten Positionen argumentativ anhand der Grundwerte einer Partei zu untermauen und diese in alle Ecken der Partei zu tragen. Das wird leider noch viel zu selten praktiziert. Denn ja, es ist mühsam. Es erfordert viel Engagement und große argumentative Kraft.“

Allerdings. Schlimmer noch: Es erfordert auch die Offenheit des Gesprächspartners für Neues, den Willen, moderne Entwicklungen zu erkennen und zu verstehen und sich damit auch zu beschäftigen, sich diesen sogar auszusetzen, also Lernbereitschaft und Neugier. Es bedarf aber eben auch der entsprechend Zeit und Lehrer/Lernbereitschaft.

Es ist daher gut, einmal explizit daran zu erinnern, daß nur bzw. zumindest wir selbst durch eigenes vorbildliches Handeln viel tun können, um Verstehen und Verständnis, Akzeptanz und Einsicht zu fördern:

“Netzpolitiker dürfen nicht darauf hoffen, dass alle anderen in der Politik schon irgendwann begreifen werden, wie toll, frei, einmalig, demokratisch und wichtig dieses Netz ist. Wir müssen es schon jeden Tag mindestens einmal jemanden erzählen, von dem wir glauben, dass er es noch nicht weiß.“

Da ist wirklich mehr als nur etwas dran. Meine Beobachtung:

Wir bleiben chronisch zu sehr unter uns.

Wir (und ja: Den Schuh ziehe ich mir auch an) klopfen uns zu sehr selbst auf die Schulter, in Blogs, auf Twitter, Facebook, Google+ & Co, vergessen aber dabei, nach Außen zu wirken.

Wir müssen aufhören, im eigenen Saft zu schmoren.

Wir müssen Menschen für unsere Themens sensibilisieren.

Wir müssen Analogiker gegebenenfalls auch konfrontieren, um sie wachzurütteln.

Foren und Diskussionsrunden sind (Ausnahmen bestätigen die Regel) fast nie mit netzfernen-aber-inhaltlich-zuständigen Politikern besetzt. Oder wenn, dann werden nur ganz konkrete, tagesaktuelle Probleme besprochen (oder wie bei der Keynote von Innenminister Friedrich auf dem KAS-Demokratie-Kongreß kommt es gar nicht zur Diskussion). Deren Wichtigkeit und Tragweite möchte ich zwar auf keinen Fall kleinreden — und natürlich muß man diese Dinge durchdiskutieren — aber solange dabei die Analogiker gar nicht erfahren, wie schnell und tiefgreifend die Entwicklungen möglicherweise sind, werden sie nicht erkennen, was an ihren Analogiën-Analogien (ohne Trema wäre das Wortspiel wohl nicht verständlich) so nicht übertragbar ist auf die digitalisierte Welt und warum dies so ist.

Es gab zwar schon einige Weckrufe für die Politik, von Zensursula über Vorratsdatenspeicherung bis hin zum Einzug der Piraten in ein Länderparlament. Aber mein Eindruck ist, daß die zwar sicher den ein oder anderen Akteur der klassischen Politik zum Nachdenken bewogen haben mag, letztlich aber meist (wenn überhaupt) nur oder zumindest überwiegend zu taktischen Änderungen/Neupositionierungsversuchen in den Parteien geführt hat. Aufrichtige und nachhaltige inhaltliche Kursänderungen scheinen jedenfalls Mangelware zu sein.

Vermutlich bzw. möglicherweise liegt dies daran, daß vielen Menschen nicht klar ist, wohin die Digitalisierung führt. Sie haben in ihrem Umfeld und Alltag keinen hinreichenden eigenen direkten Kontakt, zu wenig Erfahrungen mit aktueller Technologie. Und schlimmer: Selbst wenn sie halbwegs unfallfrei mit zeitgemäßem Handwerkszeug umgehen können und digitale Kulturtechniken mindestens ansatzweise beherrschen, so fehlt dennoch der Blick für das Potential, die Richtung und vor allem die Geschwindigkeit technologischer Entwicklung (spannend dazu übrigens die schwarmbasierte Prediction of the Future of Computing der New York Times).

Sie halten viele Dinge für bestenfalls noch gaaanz weit weg oder gar irrealistische Science Fiction. Und da man diesen Netz-Irren dann ungern widerspricht, gibt es hier und da ein „Jaja, ganz toll“ plus 1-2 Lippenbekenntnisse — und das wars. An wirkliche Paradigmenwechsel durch das Netz glauben sie jedenfalls nicht, halten sie für marginal oder mit klassischen Methoden handhabbar, so als ob das mit diesem Internet nur ein Modeerscheinung wäre.

Also: Wir müssen (und das wohl mit Mitteln aus dem Web 0.0, damit es auch die „Zielsubjekte“ erreicht) an die „analoge Front“, müssen Menschen aufrichtig für den Blick auf das große Ganze interessieren, sie für Digitalisierung (zumindest die Beschäftigung mit dem Thema) begeistern.

Durch die digitale Gesellschaft muß ein Ruck gehen: Raus ins wilde Analogistan zum Missionieren! :-)

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Das iRights.info-Blog für „Kreativität und Urheberrecht in der digitalen Welt“ orakelt: CDU droht Spaltung beim Urheberrecht.

Es verweist dabei auf die von netzaffinen Mitgliedern aus CDU und CSU ins Leben gerufene Initiative Faires Urheberrecht (Dislaimer: Ich gehöre zu den Initiatoren) und ihre Leitlinien für ein zukünftiges Urheberrecht.

Da der Blogbeitrag Standpunkte und Diskussionslage in der Partei recht gut wiedergibt, erspare ich mir hier Wiederholungen und empfehle selbigen sowie natürlich oben genannte Website und Leitlinien unserer Initiative wärmstens zur Lektüre. Schließlich sind die Kernforderungen auch nicht neu (schon vor eineinhalb Jahren hatte die Junge Union wichtige Weichenstellungen in der Netzpolitik vorgenommen) , dafür aber umso wichtiger:

Und ja: Es ist schon eine klare Ansage, wenn der Wirtschaftsrat der CDU e.V. die Initiative explizit unterstützt. Das zeigt deutlich, daß der Wunsch nach zeitgemäßen und zukunftsfähigen Rahmenbedingungen keine Außenseiterposition ist, auch wenn in der Wahrnehmung der Union die (meist mindestens latent rückwärtsgewandten) „klassischen“ Innen- und Rechtspolitiker dominieren. In der Tat gibt es hier ein zunehmend gravierender werdendes Spannungsfeld:

Die Union, und besonders die CDU, stehen vor einer Zerreißprobe. Die Reihen sind schon lange nicht mehr geschlossen. Es ist auch viel mehr als ein sachlicher Streit um Fachfragen. Jeder Einzelne in der CDU wird sich entscheiden müssen, ob sein Blick in die Vergangenheit oder in die Zukunft geht. Letztere werden politisch gewinnen, die anderen werden nach der nächsten Wahl gute Jobs in der Medienindustrie bekommen. Es ist also eine sehr persönliche Frage. Aber eine, die am Rande auch mit Glaubwürdigkeit zu tun hat, denn wer lässt sich als Politiker schon gerne als Sprechautomat von Interessen Dritter bezeichnen. Und das auch noch in der Weihnachtszeit.

Hierzu muß man dann doch ein paar Worte verlieren (Exkurs zu der Lobby-Passage: Ich erinnere mich an ein Treffen der Netzaktiven vor zwei Jahren, wo ich (damals schon im Rahmen der Debatte um ein Leistungsschutzrecht) vehement dafür eintrat, daß meine Partei aufhören müsse, vergleichsweise unkritischunausgewogen Lobby-Positionen und Wirtschaftsinteressen zu vertreten, sondern gerade im Bereich von Netzthemen mehr von der Seite der Bürgergesellschaft her denkt): Ich unterschreibe nachdrücklich, daß sich (nicht nur in der CDU) jeder Einzelne entscheiden muß, ob er nach vorne schaut und Zukunft gestalten oder nur am Gestern festhalten will. Dies ist geradezu mein Mantra. Und in der Tat werden auf lange Sicht sicher diejenigen gewinnen, die nicht aus falsch verstandenem Konservatismus oder gar mangels (Er)kenntnis an altem Mindset festhalten.

Allerdings muß man eins auch deutlich sagen: Der Riß geht eben nicht nur durch die CDU. Er geht durch alle etablierten Parteien. Das Grundproblem liegt IMHO darin, daß bei einer so umwälzenden Entwicklung, wie sie durch das Netz bzw. die Digitalisierung stattfindet, in keiner Partei ohne weiteres möglich ist, neue Politik an bisherigen Werten auszurichten. Es bedarf einer umfangreichen Neujustierung. Und die gibt es nur, wenn bei den Beteiligten Problembewußtsein herrscht. Dazu müssen diese überhaupt erst erkennen, was sich alles tut und in Bewegung befindet und wo die Reise hingehen könnte.

Und so kommt es, daß auf Basis unterschiedlichen Alters (nein, Netzaffinität/Zukunftsgewandtheit ist nicht per se altersabhängig), unterschiedlicher persönlicher Erfahrung(smöglichkeiten), unterschiedlichen Umfelds usw. die Relevanz, Tragweite und Disruptivität sehr unterscheidlich beurteilt wird — und infolgedessen auch (auf Basis der in der jeweiligen Partei zugrundeliegenden Werte) vollkommen unterschiedliche Lösungsansätze aufkommen.

Insofern gibt es die Spannungen in allen Parteien, wie man bei den Grünen aktuell gerade auch in der Urheberrechtsfrage sehen konnte bzw. bei der SPD zum Thema VDS. Ob dies oder die „Ausgründungen“ D64 und Digitale Gesellschaft schon Zerreißproben oder nur Zeichen von Intensität der Auseinandersetzung und Suche nach Diskurs-Öffentlichkeiten sind, wird sich zeigen. Meine vorläufige Einschätzung ist eher, daß nach einer Phase der Aufklärungsarbeit (wie sie parteiübergreifend beispielsweise durch PolitCamp e.V. geleistet wird) nach und nach auch die konservativeren Flügel der Parteien sich anpassen werden. Zugegebenermaßen ist das aber eben wie ich eingangs schon formulierte letztlich alles nur ein Orakel.

Spannend und hörenswert in diesem Zusammenhang die heutige Diskussion im DRadio Wissen zum Thema Deutsche Parteien links und rechts vom Netz ( drw_201112171105_parteien_im_netz_-_c_t-online_tal_af5ddde3.mp3 ). Christoph Kappes ging dort auf die „tektonischen Verschiebungen“ ein und zeigte auf, daß/wie sich Parteien rekalibrieren (müssen), daß durchaus gleichzeitig aber auch systemische Fragen entstünden.

Fest steht: Parteien und Politik bleibt nichts anderes übrig, als sich parallel zur technologischen Entwicklung weiterzuentwickeln, zu reformieren und zu verändern. Und erste kleine Erfolge sind eben auch sichtbar: Falk Lüke berichtete in der erwähnten Diskussion, daß sogar Siegfried Kauder von seiner Position der Netzsperren bei Urheberrechtsverletzungen abgerückt ist und nun „nur“ noch von Drosselung des Zugangs spricht. Das muß man zwar noch nicht gut finden, es zeigt aber, daß die Diskussion inzwischen selbst im Lager der Hardcore-Innen- und Rechtspolitiker zu Bewegung geführt hat. Das kann man durchaus als gutes Zeichen und einen — zugegeben kleinen — Achtungserfolg werten.

Und auch wenn ein Peter Altmaier auf Twitter allein sicher noch keinen netzpolitischen Sommer macht: Seine auf Erfahrung durch praktischen Umgang mit dem Netz und seinen Phänomenen und Vertretern basierende Wandlung, Horizonterweiterung und Perspektivänderung hat bei ihm zu einem Aha-Effekt geführt: Ich beginne zu begreifen. Wenn sich diese Erkenntnis in der Breite der Politik Bahn bricht, wird sich für die digitale Zukunft vieles zum Guten wandeln. Wir sollten das Unsere tun, diese positiven Erkenntnisprozesse zu forcieren.

Abschließend noch kurz zurück zum konkreten Thema: Der CDU AK Netzpolitik wird sich auf seiner nächsten Sitzung Ende Januar umfassend mit dem Urheberrecht im digitalen Zeitalter befassen. Es geht voran!

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Whatever

Samstag, 10. Dezember 2011

Das mußte mal gesagt werden…

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Virtuelle Viktualien

Freitag, 9. Dezember 2011

Liebe Freunde des Nahrungs-Nahkampfes,

wie unabhängige Mahlbeobachter sicher längst wissen, war es mir schon immer chronisch ein akutes Anliegen, meine — leider allzu sichtbare — Leidenschaft für gute, spektakuläre bis gigantische Gerichte mit dem geneigten Leser meines Blogs bzw. meiner µ-Blogging-Kanäle zu teilen.

Um diesem Hobby nun etwas zielgerichteter frönen zu können, habe ich mich entschlossen, diese ganzen Appetithäppchen, Leckerbissen und Futteralien an einer zentralen Stelle, quasi einer Speisekammer aus digitaler Spachtelmasse, virtuell zu vereinigen.

Lange habe ich überlegt, wie das Werk heißen soll. In Anlehnung an bahnbrechende Projekte wie Indiskretion Ehrensache und Inspiration Ehrensache habe ich mich entschieden, es auf den Namen — Trommelwirbel — Indigestion Ehrensache zu nennen. Denn da werde ich mit Sicherheit auch Dinge posten, die nichts für schwache Gemüter sind und durchaus mal etwas schwer im Magen liegen können, echter Hardcore-Foodporn also — Essen ist wohl wirklich Alterserotik… ;-)

Nun denn: Der Anfang ist gemacht und in regelmäßiger Unregelmäßigkeit werde ich dort euren Magen zum Knurren bringen. Also besucht, folgt und abonniert fleißig!

Bon Appétit!


P.S.: Meine nächsten Projekte könnten Investigation Ehrensache, Institution Ehrensache und Insubordination Ehrensache sein. Mol kieken…

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iNspiration

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Dieses Video hat nach dem Tod von Steve Jobs vermehrt die Runde gemacht. Und jedes Mal wenn ich es sehe, bekomme ich dabei ein bißchen Gänsehaut.

Vermutlich ist diese Botschaft sogar Steves eigentliches Vermächtnis und Auftrag zugleich. Diese Worte rütteln auf. Sie zwingen zum Nachdenken über den Sinn des Lebens und was wir aus dem unseren tun. Ein weiser Weckruf. Danke, Steve!

When you grow up, you tend to get told that the world is the way it is and your life is just to live your life inside the world, try not to bash into the walls too much, try to have a nice family life, have fun, save a little money.

That’s a very limited life. Life can be much broader, once you discover one simple fact and that is: Everything around you that you call life was made up by people that were no smarter than you. And you can change it, you can influence it, you can build your own things that other people can use.

Once you learn that, you’ll never be the same again.

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In einem insgesamt sehr lesenswerten Beitrag in der technology review unter dem IMHO suboptimalen Titel The Personal Computer Is Dead geht Jonathan Zittrain, Jura-Professor am renommierten Berkman-Center for Internet & Society der Harvard-Universität, auf die zunehmende „Machtverschiebung von Software-Entwicklern zu Betriebssystem-Anbietern“ ein.

Es ist schade, daß der Titel jedenfalls bei mir und sicher auch bei vielen anderen Lesern eigentlich eine ganz andere inhaltliche Assoziation auslöst (nämlich die des Krieges der Form-Faktoren), was dadurch verstärkt wird, daß er nicht von Plattform-Anbietern spricht, sondern über Betriebssysteme. Dies schränkt den Blick leider künstlich ein. Nichtsdestotrotz ist aber klar, daß es um die abstraktere Problematik von Walled Garden, User-Lock-In und (ggf. vorauseilende) (Selbst-)Zensur geht. Und damit spricht Zittrain ein Problem an, daß auch bei mir immer mehr Anlaß zur Sorge gibt. Schließlich geht es ja nicht (nur) um die Frage, wer wem was verkaufen kann und darf, sondern damit verbunden sind ganz konkrete Auswirkungen auf gesellschaftspolitische Realität. Denn wenn aufgrund einer oligopolen Markmacht nur angeboten werden kann (natürlich gibt es immer Ausweichmöglichkeiten (Stichworte: Linux, Jailbreak), aber die wirklich breite Masse wird dies nicht für sich nutzen (können)), was den Herrschern von Apple, Google und Facebook paßt, ist etwas faul im Königreich Digitalien.

The fact is that today’s developers are writing code with the notion not just of consumer acceptance, but also vendor acceptance.

Und weiter:

A flowering of innovation and communication was ignited by the rise of the PC and the Web and their generative characteristics. Software was installed one machine at a time, a relationship among myriad software makers and users. Sites could appear anywhere on the Web, a relationship among myriad webmasters and surfers. Now activity is clumping around a handful of portals: two or three OS makers that are in a position to manage all apps (and content within them) in an ongoing way, and a diminishing set of cloud hosting providers like Amazon that can provide the denial-of-service resistant places to put up a website or blog.

Both software developers and users should demand more. […] If we allow ourselves to be lulled into satisfaction with walled gardens, we’ll miss out on innovations to which the gardeners object, and we’ll set ourselves up for censorship of code and content that was previously impossible. We need some angry nerds.

Nun weiß ich nicht (abgesehen davon, daß ich mich hier gar nicht im Detail mit seinem Text auseinandersetzen möchte), ob angry nerds (auch wenn ich das Wortspiel natürlich als angry-birds-fan mag) hier die Lösung sind. Denn in der Regel kommt von den heißen Debatten und Kampagne, die selbige führen, nur sehr wenig in der „normalen“ Öffentlichkeit an — und entsprechend egal kann den Kritisierten diese Art von Protest sein (oder fanden die Anonymitätsdebatten um Profilnamen bei Facebook und Google+ großen Widerhall?). Das heißt nicht, daß nichtdie Nerds hier vorangallopieren können und müssen — aber die Diskussion muß breitere Kreise erreichen.

Denn hinter allem steht eben die Fragestellung, welche Maßstäbe im Netz gelten sollen und wer diese durchsetzt. Und zwar in geradezu jeder Hinsicht und in der Regel mit globaler Wirkung. Schon jetzt entscheiden Facebook, Google & Co, was wir sehen, hören, lesen und finden dürfen.

Wollen wir wirklich unsere freien Entfaltungsmöglichkeiten in die Hände einiger weniger großer marktbeherrschender Player legen? Wollen wir der Willkür und dem Gutdünken von Quasi-Monopolen ausgeliefert sein, die nach ihrem Belieben — meist ohne (hinreichende) Begründung und ohne Revisionsinstanz — unser Tun Erlauben oder Verbieten?

Aus gutem Grund gibt es für andere Bereiche Einschränkungen der Privatautonomie der Unternehmen, weil es sich um Monopole oder monopolähnliche Strukturen handelt, Stichwort Kontrahierungs- und Durchleitungszwang. Wenn einem heute Google ein Youtube-Video oder gar das ganze Profil sperrt, Facebook einen suspendiert, Apple einfach mal Inhalte löscht oder Amazon gar erworbene Produkte vom Lesegerät killt, dann steht man hilflos da. Im Falle des gelöschten Buches kann man vielleicht noch sagen: Ok, ärgerlich, aber nicht dramatisch. Bei einer Accountsperrung mit allen Folgen sieht das erheblich anders aus. In die Analoge Welt übersetzt ist das sowas wie Hausarrest mit zugeklebtem Briefkasten, vernagelten Fenstern und Türen und abgeklemmter Telefonleitung. Es ist ein virtuelles Vernichtungsurteil.

Wo ist die wirksame Möglichkeit zum Widerspruch (mit aufschiebender Wirkung), wo die Berufungsinstanz? Welcher Richter hat über einen solch gravierenden Eingriff befunden, wann wurde angemessen rechtliches Gehör gewährt? Und für Nutzer außerhalb der USA noch schlimmer: Wie sollen sie ganz praktisch ihr Recht (welches Recht, welche Bewertungsmaßstäne gelten?) durchsetzen? Oder werden nur noch die ihr Recht (iSv das , was sie dafür halten) durchsetzen können, die sich besonders gut und laut und stark organisiert bekommen oder durch DDoS-Attacken etc. Druck aufbauen können? Das wäre dann digitaldarwinistische Selbstjustiz, also letztlich auch wieder Willkür, nur eben auf Nutzerseite.

Wenn wir nicht wollen, daß auf der einen Seite wenige Anbieter aufgrund der Konzentrationsentwicklungen der letzten Jahre schon in Bälde faktisch wirkliche Torwächter-Blackboxen sind und auf der anderen Seite pressure groups Fakten schaffen, dann wird die Politik hier mehr als langsam, dafür aber umso sicherer international koordiniert handeln müssen (und ja: Globale Vernetzung bringt es mit sich, ob man mag oder nicht, daß Rechtsmaßstäbe und -regelungen global(er) werden). Sie muß uns effektiv durchsetzbare Netzbürgerrechte geben. Wir brauchen digitale Grundrechte gegen globale Gatekeeper im Netz!

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Interjektionsinterjektion

Dienstag, 6. Dezember 2011

Ich muß es einfach mal kurz loswerden: Immer wenn ich einen Einwurf wie haha oder hahaha lese, stirbt irgendwo ein kleines Kätzchenwird aus einer Humorakkumulation im Universum ein kleines schwarzes Loch der Unwitzigkeit.

Jedenfalls solange es nicht erkennbar ironisch gemeint ist. Meine empirischen Erfahrungen lassen jedenfalls vermuten, daß grob gefühlt ca. 95% der Verwendungen von haha wirklich Belustigung verkünden sollen — und bei mir das Gegenteil davon erreichen. Witzigkeit kennt eben doch Grenzen.

Mit haha komme ich einfach nicht klar. Singular als verworrene Frage ok; auch hihi oder das verknifferene gnihihi gehen voll in Ordnung und ringen mir ein aufrichtiges Breitgrinsen ab. Hämisches hehe, hähä bis höhö immer gern. Hoho wenn es sein muß (wie jetzt in der Weihnachtszeit) kein Problem. Huhu als Gruß ja sowieso. Singular dürfte außerhalb berittener Twitterer eher unüblich sein.

Aber haha? Nee, das geht nicht.

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Wo stehen wir?

Montag, 5. Dezember 2011

Elf Gedankenfragmente bzw. Beta-Fragen:

  1. Entwickelt sich Technologie im großen und ganzen tatsächlich exponentiell?
  2. Wird es zur technologischen Singularität, zum Trans-/Posthumanismus kommen?
  3. Wird die Menschheit sich selbst verobsoletieren?
  4. Wie schnell, wann?
  5. Schätzen wir die Geschwindigkeit des Wandels richtig ein?
  6. Warum sind die Leute dann so gelassen?
  7. Unwissenheit/Ahnungslosigkeit/Beschränktheit/Ignoranz/Kurzsichtigkeit?
  8. Nicht-Wahrhaben wollen? Hilflosigkeit? Fatalismus?
  9. Ist das alles Alarmismus & Panikmache?
  10. Wird das alles halb so wild?
  11. Oder ist es schon zu spät?

Ich muß akut mal kontemplieren: Wo stehen wir? Wohin geht die Reise?

Wo stehen wir?

Nein, es ist nicht so, daß ich mir das erste Mal Gedanken zu diesen und den damit in Verbindung stehenden philosophischen, gesellschaftlichen und politischen Fragen mache. Mich beschleicht nur langsam aber sicher das Gefühl, daß sich alles noch viel schneller viel nachhaltiger ändern könnte, als wir das erwarten — zumal technologische Entwicklungen und deren Implikationen häufig IMHO unzulässigerweise mit Blick zurück und simpler Extrapolation abgeschätzt werden…memo2self: Ich brauche mehr Zeit zum Lesen & Nachdenken.

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Die Junge Union Schleswig-Holstein hat dieses Wochenende ihre Winter-Academy abgehalten. Ok, vom Winter war jetzt nicht viel zu spüren (es seid denn, man zählt einen kurzen Hagelschauer dazu), aber Academy gab es, wie man an einem spannenden und vollen Programm sehen konnte, dafür umso mehr.

Da die JU im kommenden Jahr einen Schwerpunkt der Arbeit auf Netzthemen legen will, waren Johan und ich eingeladen, unter dem Titel „Internet und Politik — Digitale Kampagnen und Netzpolitik“ gewissermaßen einen kleinen Rundumschlag als erste Einführung in das Thema zu halten. Zwar hatten wir 90 Minuten Zeit für unseren Vortrag bekommen (und für einen Vortrag ist das, wie man jedenfalls an meiner Stimme merken konnte, gar nicht wenig), dennoch war es natürlich nicht einfach, alle wichtigen Punkte auch nur ansatzweise intensiv genug anzureißen.

Da das aber ja auch nur ein erster Start in die Thematik sein sollte, haben wir bewußt zunächst recht umfangreich eher technisch grundlegende und handwerkliche Fragen abgearbeitet, um ein gemeinsames Fundament zu schaffen. Die inhaltlichen Themen wurden dann eher in Stichworten und recht abstrakt angerissen. Ich hoffe, wir haben damit die rund 80 (nach meinem Empfinden sehr aufmerksamen) Zuhörer nicht zu sehr strapaziert/überfordert/enttäuscht oder ratlos hinterlassen ;-) (interessante Zahl am Rande: Von allen Zuhörern war nur einer (!) nicht (mehr) auf Facebook).

Als kleinen Service, Gedächtnisstütze und Ausgangspunkt für vertiefende Recherchen hatten wir angekündigt, unsere Präsentation zur Verfügung zu stellen. Sie ist unter folgender Adresse zu erreichen: Präsentation Internet und Politik — Digitale Kampagnen und Netzpolitik. Ja, wir geben zu: Die Präsentation ist kein ästhetisches Meisterwerk. Sie soll auch nur simple Handreichung sein. Wir hoffen ein bißchen darauf, daß die JU vielleicht auch versucht, ihre Arbeitsmethoden digital-kollaborativ an diesem Objekt auszuprobieren, also daraus beispielsweise eine optimierte, ergänzte Fassung zu bauen oder Linksammlungen zu Themen zu erstellen usw. Wir würden uns freuen, wenn wir in solche Aktivitäten mit einbezogen werden.

Wir freuen uns jedenfalls sehr auf weiteren intensivierten Austausch sowohl zu organisatorischen Aspekten wie auch vor allem zu den konkreten netzpolitischen Tagesthemen. Vor allem wäre es aber auch klasse, wenn die JU es schafft, ihren Blick noch ein Stück weiter nach vorn zu werfen und langfristige Entwicklungsperspektiven des Internets und damit zusammenhängenden gesellschaftspolitischen Fragestellungen ins Visier zu nehmen und vor allem die Mutterpartei in diesen Punkten auf Trab zu bringen. Wir brauchen Vordenker!

Auf in den Kampf

Wir haben ja am Ende der Präsentation ein paar Stichworte zur Recherche untergebracht. Weiterhin legen wir natürlich ans Herz, unsere Blogs zu abonnieren und sich mit uns auf Twitter, Facebook und Google+ zu vernetzen. Aus aktuellem Anlaß hier noch ein paar inspirierende Informationen vom Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung vergangene Woche, wo man insbesondere mal schauen kann, wie sich die Perspektive des deutschen Innenministers und eines amerikanischen Internetaktivisten unterscheiden:

Als Abschlußschmankerl noch zwei Dinge: Serendipity und Prospektives Metawissen FTW :-)

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