Paralleluniversum Qualitätsjournalismus
Dienstag, 29. März 2011
Der Regierungssprecher Steffen Seibert twittert seit kurzem als @RegSprecher.
So weit, so gut.
Was aber für Bundesregierung und Bundespresseamt letztlich eher nur ein kleiner (wenn auch richtiger und lobenswerter) Schritt war, scheint für SteinzeitQualitätsjournalisten der Bundespressekonferenz bereits die Grenzen weit überschritten zu haben. Wobei offen ist, ob es sich dabei um die Grenzen der Medienmedienkompetenz handelt oder um die Grenzen dessen, was ein Kreis mit offenbar recht elitärem Selbstverständnis an direkter ungefilterter Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu ertragen gewillt ist.
Ein großer Dank geht an Thomas Wiegold, der in seinem Blog das unfaßbare Ausmaß dieses Dramas dokumentiert hat. Lesebefehl: Wenn der Regierungssprecher twittert… (der Text ist auch auf Carta erschienen, der dort umfangreichen Kommentare wegen verweise ich daher auch dorthin: Das Unbehagen der Hauptstadtjournalisten mit dem twitternden Regierungssprecher).
Bei Lektüre durchlebte ich ein Wechselbad der Gefühle von Mitleid über Fassungslosigkeit bis hin zu Wut. Sollte das Satire sein? Ein verfrühter Aprilscherz? Großer Respekt gebührt jedenfalls Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans, der mit unnachahmlicher Geduld und bewundernswerter Sachlichkeit sehr diplomatisch versucht hat, den Journalisten Nachhilfe zu geben. Vor letzteren habe ich offengestanden nun allerdings jeden Respekt endgültig verloren. Wer sich — einem Berufstand zugehörig, dessen Grundfesten aus Recherche und Medienkompetenz bestehen sollten — nicht entblödet, dermaßen inkompetente Dümmlichkeiten vorzubringen, hat glasklar dokumentiert, daß er nicht nur mit seiner Aufgabe sondern auch diesem Jahrtausend ganz offensichtlich überfordert ist.
Thomas Knüwer schreibt dazu in seinem Blog über Berliner Hauptstadtkorrespondenten — die geistige Nachhut:
Und nun bin ich sehr brutal. Journalisten sollen uns auch ein wenig die Welt erklären. Sie müssen Dinge einordnen können, Zusammenhänge erkennen. Sie müssen im Rahmen des Fortschritts vorne mit dabei sein. Stattdessen aber zeichnet die Bundespressekonferenz das Bild einer Meute Gestriger, die ohne Wissen und ohne Recherche über eine Technik, die längst weit verbreitet ist, unkundigen Unsinn verbreitet.
Und das Landsblog formuliert höflich Hauptstadtjournalisten hadern mit Twitter:
Niemand wird hier gegen seinen Willen glücklich gemacht. Jeder hat das Recht darauf, vor der Zukunft zu versagen. Es ist nicht Aufgabe des Staates und des Rechtswesen (StichwortSchutzgeldLeistungsschutzrecht) Dinosaurier am Aussterben zu hindern.
Über 15 Jahre nun ist das Internet in Breite für die Massen in Deutschland verfügbar. Man sollte meinen, daß inzwischen auch der letzte Hinterwäldler bewußt oder zumindest subliminal verstanden hat, was die Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes zuvorderst bedeuten, nämlich Hierarchiefreiheit, Wegfall klassischer Gatekeeper und Kontrollverlust.
Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich ca. 1995 den damaligen Pressesprecher der CDU-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein überzeugen wollte, die Mitteilungen der Fraktion doch digital direkt an Bürger zu verbreiten, damit diese ungefilterte und ungekürzte Botschaften zur Verfügung hätten. Seine Antwort war ein verständnislos-entsetztes „Aber dann kann ja jeder diese Texte lesen“. Ohne Worte. Glücklicherweise hat sein heutiger Amtsnachfolger die Zeichen der Zeit erkannt. Nur scheint diese Erkenntnis es nicht ganz bis in die erlauchten Kreise der Hauptstadtpresse geschafft zu haben…
Am Ende ist für mich nur ein Aspekt offen — und da die Presse ja immer sehr auf Transparenz pocht, wird sie ganz bestimmt kein Problem damit haben, hier für selbige zu sorgen: Wer genau waren die Fragesteller und für welche Zeitungen schreiben sie? Ich frage für jemanden, der seine letzten Totholzabos kündigen möchte.
Update: Falk Lüke geht in seinen Anmerkungen zur Bundestwitterkonferenz noch etwas ausführlicher auf die arrogante Attitüde der BPK und ihren Informationsmonopolanspruch ein (und das ist gut, denn das ist in der Tat der wichtigste Punkt und geht aus meinem Beitrag oben leider kaum hervor, weil ich das wichtigste vor lauter Rage runterschreiben mehr oder weniger vergessen habe… #verlegengrins #inflektivnutz).
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Meine ganz persönliche Social-Media-Geburtstagsstatistik
Freitag, 14. Januar 2011
Disclaimer: Nein, ich bin kein eitler, selbstverliebter Narziß — ich war nur so verblüfft von den folgenden Zahlen, daß ich mich dazu entschlossen habe, kurz dazu zu bloggen…
Am gestrigen Tag hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, schon wieder ein Jahr zu altern. Das Schlimme daran ist ja, daß nicht nur subjektiv die Frequenz der Geburtstage steigt bzw. die Zeit immer schneller vergeht, sondern man sich (bzw. jedenfalls ich mich) erschwerend dazu noch überproportional und beschleunigend älter fühle. Whatever ![]()
Nun aber erstmal ein Dank, so viel Zeit muß sein:
Nach einem schönen Tag sage ich: WOW! Ich bin ganz gerührt über die vielen, vielen lieben Glückwünsche. Nochmal einen herzlichen Dank an alle, die an mich gedacht haben!
Worauf ich aber eigentlich nach all den Worten hinaus will, ist das: Schon kurz nach 0 Uhr stellte ich fest, daß sich auf meiner Facebook-Pinnwand schon recht viele Glückwünsche sammelten, während sich dies bei Twitter in engen Grenzen hielt. Nun könnte man ja zu der These gelangen, daß sich zum einen die Kontaktstrukturen zwischen Twitter und Facebook unterscheiden (unidirektionale Follower vs. bidirektionale Friends mit entsprechender Neigung zu weak ties bei Twitter und strong ties bei Facebook) und zum anderen bei Facebook deutlich angezeigt wird (sofern vom Geburtstagskind freigeschaltet), welche seiner Freunde gerade Geburtstag haben.
Allerdings ist meine subjektive Erfahrung aus den vorhergehenden Jahren eine vollkommen andere gewesen. Da war zwar Facebook durchaus auch nicht schwach im Feedback, aber bei Twitter ging die Post ab. Schade, daß ich das heute mangels sauberer Datenerfassung nicht belastbar empirisch nachweisen kann. Seid also einfach so nett und vertraut mir (ich weiß: Ich verlange viel!).
Der für mich überraschende Punkt ist: Das Interaktionsverhalten hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr dermaßen geändert, daß über Facebook fast drei Mal so viele Glückwünsche eingegangen sind wie über alle anderen Wege zusammen!
Über Twitter und Email sind nicht einmal jeweils 10% davon eingegangen, der Rest zusammen macht keine 15% aus. Interessant auch, daß die Quote (sofern aufgrund quantifizierbarer Kontaktzahl ermittelbar) innerhalb der einzelnen Services nirgends auch nur ansatzweise an die von Facebook reicht. Von den ca. 700 Kontakten haben sich fast 27% gemeldet.
Schaut euch die Zahlen einfach mal an (am liebsten hätte ich das natürlich in einem mehrere Jahre umfassenden Motion Chart dargestellt, allein mir fehlen wie gesagt hinreichend präzise Daten):
Ich kann nur sagen: WOW!
Das scheint das Gefühl zu bestätigen, daß das soziale Leben jedenfalls meines Umfeldes sich sehr stark zu Facebook verlagert hat. StudiVZ und Xing finden faktisch in dieser Hinsicht nicht mehr statt. Und auch Twitter wird — ich hielt das letztens schon in einem Tweet fest — immer mehr zum Schalltoten Raum mit vergleichsweise wenig Resonanz:
Für mich ist Twitter zunehmend schalltoter Raum statt Echo-Chamber…sukzessive Twitteratiwanderung gen Facebook…
Und das finde ich eigentlich recht schade. Denn auch wenn Facebook das bessere User Interface hat, so ist die Plattform zum einen technisch nicht so offen wie Twitter und zum anderen bedingt das bidirektionale Freundschaftsprinzip latent ein Kochen im eigenen Saft. Es fehlt erheblich an Serendipität, an der Möglichkeit, spontan neue Gedanken durch neue Leute kennenzulernen und denen einfach mal unverbindlich draufloszufolgen. Mein nicht komplett scherzhaft gemeinter Aufruf daher:
Facebook Users of All Countries, Unite! Save Serendipity — turn to http://twitter.com
Wie sind eure Erfahrungen?
Ergänzung (02.04.2011):
Soeben hat @Johan ein ebenfalls statistisches (man muß wohl sagen Pseudo-)Geburtstagsexperiment beendet und darüber eine garstige Geburtstagsgeschichte geblogt. Schöner Neologismus im Zusammenhang mit seiner Auswertung ist der Gratulationskoeffizient ![]()
Insofern bin ich (siehe dazu auch meinen Kommentar weiter unten sehr beruhigt, nicht der einzige zu sein, der neugierig mit solchen Daten herumexperimentiert…
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Hack-O-Mat, der Abstract Armchair Activism Automator
Montag, 13. Dezember 2010
Mensch Leute, wer braucht noch Ionenkanonen wie LOIC‽ Solche Tools sind doch quasi nur Rudimentär-Rootkits von gestern, mit denen sich Skript-Kiddies wichtig machen wollen.
Ich hatte schon vor ein paar Jahren (damals mehr im Scherz) in einer kleinen netzpolitischen Diskussionsrunde vorgeschlagen, diesen ganzen Haktivismuskrams mal solide zu abstrahieren und dann softwaretechnisch auf universellere Beine zu stellen, um die ganze Sache damit auf breitere Beine zu stellen — insbesondere, damit es die ganzen Armchair-Activists in ihrem verblendeten Eifer und Einsatz für die jeweils gerade trendige gute Sache endlich etwas einfacher haben.
Nun ist es vermutlich angesichts der chronischen Probleme bei öffentlichen IT-Projekten keine gute Idee, wenn ich die Bundeszentrale für politische Bildung auffordern würde, analog zum Wahl-O-Mat (der ja auch schon die Wahlentscheidung pisakonform auf ein paar simple Checkboxes reduziert) den Hack-O-Mat programmieren zu lassen
Aber die Hoffnung dürfte berechtigt sein, daß sich ein paar kluge Geister finden, die das Teil im Rahmen eines Open-Source-Projektes zusammenbosseln.
Folgende triviale Funktionalität sollte die Software erfüllen:
- Teilnahme an Umfragen, Unterschriftenlisten und Petitionen im Netz
- Liken und Teilen von Beiträgen auf Facebook
- (Re)-Tweeten via Twitter
SpammingIndividualisiert-differenzierte Meinungskundgabe via Email und AbgeordnetenwatchSelbstjustizDDoS-Attacken gegen unliebsame Netzteilnehmer- Und das alles natürlich OS-agnostisch (gern auch lokal browserbasiert, quasi als Web-App) sowie für iPhone und Android, modular konzipiert und damit durch Plugins/Extensions erweiterbar.
- Ergänzend gern eine Version zur unbeaufsichtigten Verteilung und zum verdeckten Betrieb auf allen Workstations in Unternehmens- und Behördennetzen zur Power-Potenzierung
- Weitere Ideen & Anregungen für das Pflichtenheft gern in den Kommentaren
Wie bei Amazons Mechanical Turk könnten dann Auftraggeber HITs (Hack-O-Mat Insurgence Tasks) definieren und diese als Nutzer manuell oder auf Profilbasis halb- bis vollautomatisch auswählen und ausführen lassen — und das Ganze wie bei Seti aus Idealismus oder gern auch gegen Zahlung (bzw. bei Parteien und gemeinnützigen Organisationen gegen Spendenquittung).
Wie bei anderen Aktionen dieser Gattung lassen wir sicherheitshalber Moral & Ethik aus dem Spiel. Ein bißchen Digitaldarwinismus hat ja noch nie geschadet (nicht vergessen: Es geht schließlich immer noch um die gute Sache und da soll gern das Recht des StärkerenDummdreisteren gelten) und eventuelle Kollateralschäden für Unbeteiligte sind eben nur das: Kollateralschäden.
Weiter so, digitale und gesellschaftliche Avantgarde!
Sarcasm off und ein herzliches SCNR — denn das mußte mal gesagt werden. (und jetzt möge der Shitstorm gegen mich bzw. die DOS-Attacke gegen meinen Server losgehen — mit dem Rosa-Luxemburg-Spruch „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ und seinen Implikationen auf konkretes Handeln (oder dem kategorischen Imperativ) haben ja leider erstaunlich viele ihre praktischen Probleme…)
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Umfrage: Ist ein geposteter Link/RT bei Twitter neutral oder Zustimmung?
Freitag, 19. November 2010
Da sich eben eine kleine Diskussion ergab, hier mal eine Umfrage, wie ihr das seht:
Für mich persönlich bedeutet das Posten eines Links oder Retweets übrigens weder automatisch noch latent Zustimmung, sondern lediglich, daß ich die entsprechende Information für meine Follower von Interesse/Relevanz halte. Vielleicht sollte ich eine entsprechende AGb für meinen Twitter-Account schreiben und aus dem dortigen Profil verlinken…
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SCNR: Experten plädieren überwiegend gegen ihre Abschaffung
Donnerstag, 11. November 2010
Sorry, dieses kleine Fundstück von heute im bundestag muß ich kurz mal loswerden. Deutsche Sprache, schwere Sprache.
Bei der Anhörung im Rechtsausschuss zur Bekämpfung von Kinderpornographie im Internet kritisierten die Experten das zu diesem Thema beschlossene Gesetz, plädierten jedoch überwiegend nicht für ihre Abschaffung.
(daß man auch besser „Anhörung zur Bekämpfung […] im Rechtsausschuß“ schreiben hätte sollen (denn es handelt sich ja nur um den Rechtsausschuß, nicht den „Rechtsausschuß zur Bekämpfung […]“), verkneife ich mir mal).
![]()
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Google zwingt Facebook, Farbe zu bekennen: Kommt der Handelskrieg um Daten?
Samstag, 6. November 2010
Vorgestern berichtete Techcrunch über eine kleine aber relevante Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen für die Google Contaces API (Techcrunch: “Google To Facebook: You Can’t Import Our User Data Without Reciprocity”, siehe auch heise: Google dreht Facebook den Datenhahn zu).
Und zwar erlaubt Google künftig nur noch solchen Diensten und Anwendungen Zugriff auf die Kontaktdaten eines Nutzers über die API, wenn diese ihrerseits vergleichbare Daten vergleichbar zugänglich machen. Ohne Reziprozität kein automatischer Datenaustausch, so die Botschaft:
5.8. Google supports data portability. By accessing Content through the Contacts Data API or Portable Contacts API for use in your service or application, you are agreeing to enable your users to export their contacts data to other services or applications of their choice in a way that’s substantially as fast and easy as exporting such data from Google Contacts, subject to applicable laws.
Nicht zu Unrecht hat diese Maßnahme einige Diskussionen im Netz angestoßen. Markus Spath (@hackr) sieht darin (so ein Kommentar im Blog von Kristian Köhntopp (@isotopp) den Übergang von einem Handeln nach einer impliziten Ethik zu einem (natürlich ethisch begründeten) Handel
und ist beunruhigt:
[…] beunruhigender: Google erweist sich als erratisch. Bis dato konnte man Google mit etwas gutem Willen immer unterstellen, nach bestimmten Prinzipien und mit einer bestimmten Moral ausgestattet zu handeln. Dass ihnen dieses Handeln in der Folge auch immer selbst zugute kam, konnte als positiver Nebeneffekt beschrieben werden. Wenn sie aber beginnen diese Prinzipien dort zu verklausulieren, wo sie ihren unmittelbaren Vorteil plötzlich nicht mehr sehen oder um Druck auf einen Konkurrenten auszuüben (auch wenn das motiv nachvollziehbar ist), dann bedeutet das, dass man ihnen alles zutrauen kann.
Kristian Köhntopp weist allerdings auf den entscheidenden Punkt hin:
Google schneidet den Endbenutzer nicht von seinen Daten ab, er kann sie immer noch selber absaugen und wo anders hin schleppen. Google erlaubt auch die direkte Interoperation und den Datentausch mit anderen Diensten - wenn diese ebenso kooperativ sind und Daten austauschen. Dadurch trennt Google die kooperative von der kompetiven Sphäre, und das ist für eine friedliche Koexistenz der beiden Bereiche notwendig. Tut man das nicht, bekommt man ‘tragedy of the commons’-Probleme.
Sprich: Google hat hier eine Grundsatzentscheidung getroffen und strategische Ausrichtung vorgenommen, die für die weitere Entwicklung im Netz von wegweisender Bedeutung sein wird. Und dies kommt letztlich nicht überraschend. Denn seit längerem setzt Google sich für Datentransparenz und -portabilität ein, so z. B. im Rahmen der Data Liberation Front (@dataliberation):
Users should be able to control the data they store in any of Google’s products. Our team’s goal is to make it easier to move data in and out.
Durch Bestehen auf Gegenseitigkeit handelt Google meines Erachtens gerade nicht erratisch. Nein, diese Entscheidung fügt sich sehr genau in die bisherigen Verhaltensweisen ein und zwingt Facebook (welches ja seinerseits einfach mal den Nutzerabgleich mit Twitter geblockt hatte), Farbe zu bekennen: Wie steht Facebook zu grundlegenden, das Netz konstituierenden Prinzipien wie Offenheit und Interoperabilität? Wird Facebook weiterhin Netzwerkeffekte nur egoistisch als Einbahnstraße sehen und seinen Walled Garden bzw. Closed Shop mit maximalem User-Lock-In festigen? Oder wird es sich öffnen? Man darf sich fragen, ob dieser Schritt nicht möglicherweise ohnehin ein wenig zu spät ist angesichts seiner Dominanz und netzwerkeffektbasierten Sogwirkung.
Michael Arrington jedenfalls sieht einen Datenhandelskrieg heraufziehen (Data Protectionism Begins In Earnest):
But here’s the very worst part of protectionism. If you start it, you can expect the other side to start it too. That’s when you get what’s called a trade war, and lots of potential economic gain evaporates.
Meines Erachtens trifft zwar das Bild vom Handelskrieg um Daten zu. Nur findet dieser Krieg zum einen schon lange statt und zum anderen ist es ja gerade nicht nicht Google, welches Daten-Protektionismus gestartet hat. Am Ende stellt sich doch die Frage, welche Haltung netzadäquater ist und welche Mechanismen die spezifischen emanzipatorischen und partizipativen Eingenschaften, Möglichkeiten und Chancen des Netzes gewährleisten. Google scheint sich der Verantwortung aus dieser Herausforderung bewußt und hat sich entschlossen, Vorbild zu sein und mit gutem Beispiel voranzugehen. Natürlich tut es dies auch aus unternehmerischem Interesse. Aber daß Geschäftsinteressen hier weitgehend deckungsgleich mit Nutzerinteressen sind, kann man schwerlich zum Vorwurf erheben. Vielmehr sagt es auch aus: Seht her, wir wollen offen sein. Wir haben den Mut und die Souveränität, den Nutzer nicht zu fesseln und zu knebeln. Wir wollen uns das Vertrauen des Nutzers stattdessen täglich neu erkämpfen, stellen uns dem Wettbewerb und gehen das Risiko ein, daß er sich abwendet und seine Daten mitnimmt. Man darf nur hoffen, daß viele Netzakteure sich an dieser Haltung ein Beispiel nehmen.
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Was der Bürger nicht weiß…
Dienstag, 14. September 2010
Endlich beschäftigt sich mal eine Lokalzeitung mit einem Thema, das mich schon lange stört: Mangelnde polizeiliche Informationen über Kriminalität vor Ort.
Die Ahrensburger-ZeitungStormarn-Beilage des Hamburger Abendblattes berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über eine besonders dreiste Einbruchserie in Großhansdorf (Einbruchserie beunruhigt Großhansdorfer — Täter reißen Tresor heraus, während die Hausbesitzer Besuch haben. Polizei hält Fälle unter Verschluss, um die Bürger nicht zu beunruhigen / Kommentar: Information ist auch Prävention).
Auf diese wurde die Zeitung offenbar erst durch Information eines Betroffenen aufmerksam; eine offizielle Mitteilung der Polizei zu der Serie gab es nicht. Und zwar nicht aus ermittlungstaktischen Gründen, für die man als Bürger vielleicht Verständnis haben würde, sondern weil die Polizei offenbar besser als die Bürger weiß, was diese interessiert:
Aber weshalb verschweigt die Polizei Einbrüche? Polizeisprecher Holger Meier sagt dazu auf Anfrage: “Eine solche Berichterstattung würde aus unserer Erfahrung heraus eher zu einer Verunsicherung der Bürger führen, als dass sie der Prävention diente.” Außerdem habe die Polizei die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und den Datenschutz zu beachten.
Es ist also nach Ansicht des Polizeisprechers keine Prävention, vor solchen Deliktserien — insb. wenn sie offenbar einen speziellen modus operandi haben — zu warnen? Man kommt offenbar auch nicht auf die Idee, daß man auf dem Wege der Veröffentlichung vielleicht sogar wertvolle Hinweise zur Tataufklärung erhalten kann. Jedenfalls aber würden Bürger zum einen für bestimmte Angriffsvektoren sensibilisiert. Und ganz unabhängig von Ermittlungstaktik, Prävention und Aufklärung: Der Bürger hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihn angeht. Die objektive Sicherheitslage in seiner unmittelbaren Umgehung gehört hier unzweifelhaft dazu. Dabei ist mir klar, daß das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger von der objektiven Lage abweichen kann. ABER: Es steht der Polizei(führung) nicht zu, dieses Sicherheitsgefühl durch bevormundende Unterschlagung von Informationen zu manipulieren.
Kommentator Alexander Sulanke schreibt mir aus dem Herzen, wenn er feststellt:
Das Beste nur für die Bürger, mehr will die Polizei nicht. Diese Bürger, die sollen nämlich nicht verunsichert werden, die sollen sich nicht so sehr aufregen. Deshalb müssen sie auch lieber gar nicht erfahren, dass in ihrem Viertel gerade besonders dreiste Einbrecher ihr Unwesen treiben. Nicht so sehr aufregen - dieser Ansatz dürfte wohl am ehesten unter Gesundheitsprävention zu verbuchen sein. Aber das ist nicht Sache der Polizei.
Ich möchte als Bürger wissen, was in meiner Nachbarschaft, in meinem Ort, in meiner Region usw. passiert. Das ist keine Sensationslust oder vulgäre Neugier, sondern Erfahrungs-, Diskurs- und Entscheidungsgrundlage in einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft. Ich möchte im Geiste von OpenData beispielsweise aktuelle und historische Kriminalitätsdaten zur Verfügung haben, die Mashups ermöglichen, um Städte, Viertel oder Straßen nach Häufigkeit/Verlauf von spezifischen Delikten in Relation zu anderen Daten (Einwohnerdichte, Art der Bebauung, Kaufkraft, Wetter etc pp.) darstellen und herausarbeiten zu können (siehe zB brennende-autos.de). Wenn ich ein neues Haus oder eine Wohnung suche (oder auch nur einen Parkplatz für den Kinobesuch), möchte ich herausfinden können, wie sicher die Gegend ist und ob dort besondere Kriminalitätscluster sind. Oder wenn ich vor Ort über Verkehrssicherheit diskutiere, brauche ich konkrete (vor allem georeferenzierte) statistische Daten zur Unfallsituation etc. pp.
Ich möchte mich nicht von einer Polizeiführung bevormunden lassen. Nicht der Staat weiß, was für mich gut ist. Ich weiß das — aber eben nur, wenn ich die relevanten Fakten kennen darf und kann.
Letztlich käme mehr Transparenz auch der Polizei und ihrer Arbeit zu Gute, weil ein realistischerer Blick für die Lage mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Mittelumschichtung zugunsten der Verbrechensbekämpfung wahrscheinlicher werden läßt. Und wenn die Polizeiführung diese Daten nicht herausgibt, können der Lokaljournalismus oder auch die Bürger durch Crowdbasierung selbst hier echten Nutzerwert schaffen, indem sie diese Daten quasi als Ersatzvornahme zentral aggregieren.
Also: Mehr Offenheit, Transparenz, OpenData!
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Using the Google Chrome ContextMenu Extension API
Dienstag, 24. August 2010
Google has just released some new extension APIs for it’s superb browser chrome. I already use some own experimental extensions to augment my browsing experience. And now I start to test the new possibilities. There will be a lot of new uses. You can now implement own infobars, program the omnibox (how about tweeting directly from the omnibox?) and add customized context menus, that can work selectively on the type of content (for example a page, a link/video/image or a selection) or the current url.
My first experiment with the new APIs was a simple one: Provide a context menu item to search for the selected text on different sites (too bad, this can’t at this time be integrated with the defined/personally configured search engines/sites of chrome). Nonetheless I'd like to share this simple naive implementation with you, to help get you started with chrome extensions.
The whole code contains of two files that you put together in a directory. File one is “manifest.json”, which declares the permissions used by the extension (see documentation):
{
"name": "LookUp",
"description": "Look up selected word(s) on different sites",
"version": "0.9",
"permissions": ["contextMenus","tabs"],
"background_page": "background.html"
}
The other file is the “backgroud.html” which gets loaded when the extension is loaded/activated. It only contains the javascript needed to define the sites to search on and the action that should be taken on click (in this case always open a new tab with a search url) and hook these actions to the menu:
<script>
var definitions=[
{"title":"Wiki (en)","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Special:Search&search="+info.selectionText});}},
{"title":"Wiki","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Spezial:Suche&search="+info.selectionText});}},
{"title":"Amazon","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://www.amazon.de/s/ref=nb_ss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Daps&tag=stecki&x=0&y=0&field-keywords="+info.selectionText});}},
{"title":"IMDB","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://www.imdb.com/find?s=all&q="+info.selectionText});}}
];
for(var i=0;i<definitions.length;i++) {
var item=definitions[i];
var id=chrome.contextMenus.create({"title": item.title, "contexts":["selection"],"onclick": item.action});
}
</script>
To get such a local extension running, you go to chrome://extensions/, click on ”load unpacked extension…” and select the directory in which you saved above two files. That’s it.
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Browser-Usability: In desperate need of the dirty dialog (not, what you may think)
Mittwoch, 18. August 2010
If I had to name the single most frustrating aspect of internet browser usage experience it would be this: Why can’t you handle online documents like any other document in an application‽
I mean, come on: How hard can it be to just know that a browser tab may have unsaved changes (usually form input) and in that case just ask the user if he really is sure, that he wants to close the tab (or navigate away) without saving?
I think this is an atavism from the old times in the web, where a browser would just be used as a viewport for reading documents online. But those times are gone. And if you really want the user to switch to browser based apps, it would be a pretty important thing to make them behave and not destroy work.
It really annoys the crap out of me. Statistically I lose some work almost every day because of this idiosyncrasy. It just happens too often, that one closes the wrong tab or the whole browser accidentally. In case of a closed tab, sometimes a good browser lets you just undo the action and reopen the tab without any data loss. But this doesn’t always work; and never does if it’s the whole browser you quitted.
So please implement something like the security dialog which is found in almost every desktop application:
There are unsaved changes in this/some tab(s), are you sure, you want to close this/these tab(s)? Yes | No
It would in addition probably make sense to provide a standard compliant way to mark a document as having unsaved changes, aka being dirty for the cases where the editing is not done by just filling in form fields and the browser wouldn’t otherwise have a way of knowing about the changes.
Thank you!
(It may be that there are significant reasons that this has not been widely implemented. If so, I would be happy to learn about them.)
Addendum:
- I was asked by @Johanstormarn, why I wouldn’t use a greasemonkey-script or other kind of extension/add-on to my browser.
- Well: First of all, I don’t know of any such script. But more important: I do not think, that it is the users responsibility to provide such functionality. What we are seeing is a trend towards using the browser as os for apps. There hardware-APIs on the way. W3C is talking about accessibility and defining standards for webapps (local storage etc). So I think a fundamental standardized dirty-mechanism is not a too devious thing to ask for.
- And @presroi told me, that any website could implement that on it’s own.
- I don’t dispute the fact, that every website could build such a security question with javascript. But: I don’t know of any somewhat relevant site that does this. This suggests, that it either is too difficult/timeconsuming to do or the programmers just don’t give a damn (or don’t even recognize that there may be a problem). Additionally I do not think it would help user-experience, if a user first had to test, if a site does implement something like that and then had to rely on a possibly broken implementation (I really don’t think an average user would perform tests before writing a comment). In addition to that, it would not be standardized; moreover: the tab would habe to use js-dialogs, which are handled differently. And you can’t prevent someone from closing a tab regardless what javascript is saying. So I come back to the point above: Regarding the incline in webapps, this really should be standard browser behavior.
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Notizen zum Qualitätsjournalismus, Teil 4: Falsche Fotomontage
Mittwoch, 18. August 2010
Eben las ich in der Ahrensburger ZeitungStormarn-Beilage des Hamburger Abendblattes „Ruhe in Sichtweite“ (der Link liegt hinter einem Paywall, first-click-free-Suche bei Google News hilft). Der Artikel setzt auf der Berichterstattung von vorgestern auf, in der sich die Anwohner des Buchenweges über zunehmenden Fluglärm beklagen (dieser scheint — vielleicht aus komplexen psychoakustischen Gründen? — ganz gezielt im Buchenweg alles andere in den Schatten zu stellen….).
Zu der Thematik kann man ja stehen, wie man will. Die Flugzeuge fliegen auch über Delingsdorf, darüberhinaus habe ich aber ca. 100 m links die Bundesstraße 75 und ca. 100 m rechts die Bahnlinie Hamburg-Lübeck. Nun denn, wenn es wirklich Leute mit feinem Gehör stört und womöglich Grenzwerte und Regelungen nicht eingehalten werden, soll es so sein.
Was ich aber absolut inakzeptabel finde, sind dann Bebilderungen wie diese:
Für das kleine Bild bitte ich um Verzeihung; ich wollte keine urheberrechtlichen Problematiken losstoßen und denke, daß man die Problematik erkennt, wenn man die Bildunterschrift dazu liest, welche lautet:
So tief wir auf dieser Fotomontage fliegen die Flugzeuge natürlich nicht über das Ahrensburger Stadtgebiet und den Kreis Stormarn hinweg.
(Zitat mit Tippfehler übernommen)
Ganz ehrlich: Man macht sich also die Mühe, eine schicke Fotomontage zu basteln, schert sich aber einen feuchten Kehricht darum, ob diese auch nur halbwegs realistisch ist? Was soll ich davon halten? Der Leser kriegt doch einen Schreck, wenn er beim Aufblättern der Seite auf das großflächige Foto schaut und dabei den Eindruck gewinnt, daß die Flugzeuge keine 100 m über dem Schloß im Landeanflug sind. Welche Irreführung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Dabei sollte doch heutzutage eigentlich jeder — auf jeden Fall aber Journalisten — sich der Suggestivkraft von Bildern bewußt sein. Selbst „echte“ Fotos, also keine Montagen, können ja nach Wahl des Betrachtungswinkels beim Knipsen oder dem Bildausschnitt beim Publizieren erheblich in die Irre führen. Bewußt (böswillige?) Fotomontagen erst Recht. Diese Art von „Qualitätsjournalismus“ finde ich unerträglich. Und sie ist auch mit Blick auf die emanzipative und aufklärerische Kraft des Netzes äußerst kurzsichtig.
Also, liebe Leser: Immer schön Augen auf und kritisch hinterfragen, was einem da so vorgesetzt wird!
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