Ein paar Notizen zu Google+

Freitag, 1. Juli 2011

Seit ungefähr einem halben Tag habe ich nun dank zuvorkommender Menschen die Möglichkeit, Google+ zu nutzen. Es bedurfte nur einer recht kurzen Eingewöhnung, um die grundlegenden Funktionalitäten zu bedienen. Eine gewisse Grundähnlichkeit zu Facebook ist nicht abzustreiten. Aber letztlich scheint + durchdachter und stärker an Benutzbarkeit orientiert.

Hier möchte ich nun ein paar Dinge auflisten, die mir aufgefallen sind, im Guten wie im Schlechten. Dabei muß ich einräumen, noch lange nicht alle Möglichkeiten getestet zu haben (vielleicht habe ich Mankos notiert, die keine sind, weil ich nur zu blind oder dusselig war — dann bitte ich um höflichen Hinweis). Für Hangout und tiefergehende Experimente mit Sparks fehlte mir die Zeit, für Huddle gar das Device ;-)

Die nachfolgende Liste ist nicht sonderlich sortiert. Und ggf. werde ich sie um weitere Punkte ergänzen, die mir auffallen. Vielleicht finde ich auch noch die Zeit, ein paar Screenshots beizufügen.

+punkte

Slick

Das wäre das Wort, mit dem ich das gesamte Look & Feel von Google+ beschreiben würde. Es ist optisch ansprechend, aufgeräumt und modern, die UI ist nicht zu verspielt, nutzt aber zeitgemäße technische Möglichkeiten (bestes Beispiel das Handling von Circles) für bisher so nie dagewesenen Bedienkomfort. Wenn man sich das UI anschaut, glaubt man zunächst nicht, in einem Google-Produkt zu stecken.

Posten aus der Google-Bar

Richtig praktisch ist die Möglichkeit, direkt oben rechts aus der optimierten Google-Toolbar Beiträge absetzen und Benachrichtigungen lesen zu können. Dies macht Bedienung aus anderen Google-Diensten sehr praktisch. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Google seine Toolbar sogar für Websites einbindbar macht (aufgebohrtes Connect sozusagen). Schade, daß bei einigen Google-Diensten naheliegende Möglichkeiten zum sharen auf + noch nicht implementiert sind (so bspw. bei Reader).

Sehr lange Beiträge möglich

Twitter erlaubt 140 Zeichen, Facebook in Statusmeldungen auch nur magere 420 (die für sehr viele Fälle nicht ausreichen). Google+ scheint nach meinen ersten Tests eine solche Begrenzung nicht zu haben.

Textformatierung

Mit Steuerzeichen *fett*, -durchgestrichen-, kursiv kann man Text angenehm lesbar auszeichnen. Gerade im Zusammenhang mit dem vorigen Punkt sehr sinnvoll. Fehlt nur (vielleicht habe ich es auch übersehen) die Möglichkeit, Aufzählungen und Zwischenüberschriften :-) im Beitrag zu formatieren.

Beitrags-Optionen

Nützlich ist, daß man einzelne Beiträge noch konfigurieren kann, beispielsweise um Kommentierung oder das Teilen zu deaktivieren.

Profil ansehen als

Als eine echte Killerfunktion zumindest für Paranoiker könnte sich diese Funktion erweisen, ermöglicht sie doch, genau zu prüfen, wie das eigene Profil für andere Nutzer oder das öffentliche Web angezeigt wird (nützlich gerade auch dann, wenn man Beiträge an sog. erweiterte Kreise postet, also an alle Nutzer in den eigenen Kreisen und den Kreisen der Kontakte.

(noch) keine Bots

Das wird sich sicherlich ändern, aber derzeit ist Google+ weitgehend spamfreie Zone und es gibt auch keine nervigen Bots (LOL-Polizei etc.).

Minus bei Google Plus

Aufrücker-Threads

Beiträge rücken bei neuen Kommentaren wieder an das obere Ende des Nachrichtenstroms. Ob das die optimale Anzeigelogik ist, wage ich zu bezweifeln. Man sollte zwischen Sortierung nach Aktualität des Beitrages, der Kommentare oder Relevanz (das müßte Google doch am besten hinbekommen) wählen können.

Nachtrag 01.07.2011 01:55: Laut Scoble ist Google bereits an dieser Sache dran und man kann durch “mute” (in den Beitragsoptionen) nervig nach oben blubbernde Beiträge ausblenden.

Wie taggen?

Ganz schlicht gefragt: Wo gibt es Hashtags wie bei Twitter oder eine anderweitige Möglichkeit, Dinge zu taggen, um sie später entsprechend retrieven (vielleicht auch per RSS) zu können?

Unschöne URLs

Profilseiten haben numerische IDs, à la https://plus.google.com/102951224065923126631/posts. In Zeiten, wo darüber diskutiert wird, URLs de facto aus dem Browser zu verbannen, mag das altbacken sein. Aber dennoch sehe ich in optisch schönen, aussagekräftigen sprechenden URLs einen Mehrwert.

Keine +1-Funktionalität in den Benachrichtigungen

Während die Benachrichtigungen oben rechts an sich (s.o.) sehr praktisch sind, ist es etwas lästig, daß man dort zwar kommentieren, nicht aber den Beitrag oder Kommentare plussen kann.

Mal eben eine Message?

Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber: Wie kann ich mal eben innerhalb + jemanden (schriftlich) anchatten oder eine Nachricht schreiben? Muß ich dazu wirklich in den richtigen Google Chat oder nach Google Mail wechseln? Das wäre mir zu nervig.

Nachtrag 01.07.2011 12:05: Verschiedene Nutzer weisen mich darauf hin, daß man schlicht einfach nur einen einzelnen (oder die gewünschten) Empfänger statt ganzer Kreise als Personen dem Beitrag hinzufügt. Das ist so straightforward, daß ich es wirklich übersehen habe. Muß über mich selbst Lachen! :-) Allerdings ein kleines Manko: Der/die Angeschriebenen sieht nicht sofort, daß das nur an ihn geht, da wie bei anderen Einträgen auch dann als Adressat schlicht „eingeschränkt“ steht, sprich: Man muß erst dort draufklicken, um zu merken, daß man ggf. alleiniger Empfänger ist (dies ist insg. ein Schwachpunkt: Ich verstehe, daß man Circle-Namen dort nicht anzeigen kann, weil die ja dem Absender vorbehalten und dem Empfänger verborgen sein sollen; dennoch ist es nervig, die Personenlisten dort zu analysieren. Da ist Nachbesserungsbedarf!).

Gemeinsame Gruppen

Während Circles an sich superpraktisch ist, so stört mich, daß diese Definitionen ja nur für das eigene Profil gelten. Schön wäre schon, wenn man auch Circles teilen könnte, um sie gemeinsam zu nutzen und zu administrieren. Aber ich bin mir sicher, daß sich in dieser Hinsicht noch einiges tun wird.

Fazit

Google+ bringt Spaß. Es ist zum Start genug Funktionalität da, um Facebook das Fürchten zu lehren. Es wurde besser propagiert, nutzerorientierter gestaltet und cleverer gestartet als das leider viel zu früh von uns gegangene Wave.

Ich glaube, Google+ ist gekommen, um zu bleiben!


Siehe auch:

Dieser Text ist mir etwas wert:

Vorgestern berichtete Techcrunch über eine kleine aber relevante Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen für die Google Contaces API (Techcrunch: “Google To Facebook: You Can’t Import Our User Data Without Reciprocity”, siehe auch heise: Google dreht Facebook den Datenhahn zu).

Und zwar erlaubt Google künftig nur noch solchen Diensten und Anwendungen Zugriff auf die Kontaktdaten eines Nutzers über die API, wenn diese ihrerseits vergleichbare Daten vergleichbar zugänglich machen. Ohne Reziprozität kein automatischer Datenaustausch, so die Botschaft:

5.8. Google supports data portability. By accessing Content through the Contacts Data API or Portable Contacts API for use in your service or application, you are agreeing to enable your users to export their contacts data to other services or applications of their choice in a way that’s substantially as fast and easy as exporting such data from Google Contacts, subject to applicable laws.

Nicht zu Unrecht hat diese Maßnahme einige Diskussionen im Netz angestoßen. Markus Spath (@hackr) sieht darin (so ein Kommentar im Blog von Kristian Köhntopp (@isotopp) den Übergang von einem Handeln nach einer impliziten Ethik zu einem (natürlich ethisch begründeten) Handel und ist beunruhigt:

[…] beunruhigender: Google erweist sich als erratisch. Bis dato konnte man Google mit etwas gutem Willen immer unterstellen, nach bestimmten Prinzipien und mit einer bestimmten Moral ausgestattet zu handeln. Dass ihnen dieses Handeln in der Folge auch immer selbst zugute kam, konnte als positiver Nebeneffekt beschrieben werden. Wenn sie aber beginnen diese Prinzipien dort zu verklausulieren, wo sie ihren unmittelbaren Vorteil plötzlich nicht mehr sehen oder um Druck auf einen Konkurrenten auszuüben (auch wenn das motiv nachvollziehbar ist), dann bedeutet das, dass man ihnen alles zutrauen kann.

Kristian Köhntopp weist allerdings auf den entscheidenden Punkt hin:

Google schneidet den Endbenutzer nicht von seinen Daten ab, er kann sie immer noch selber absaugen und wo anders hin schleppen. Google erlaubt auch die direkte Interoperation und den Datentausch mit anderen Diensten - wenn diese ebenso kooperativ sind und Daten austauschen. Dadurch trennt Google die kooperative von der kompetiven Sphäre, und das ist für eine friedliche Koexistenz der beiden Bereiche notwendig. Tut man das nicht, bekommt man ‘tragedy of the commons’-Probleme.

Sprich: Google hat hier eine Grundsatzentscheidung getroffen und strategische Ausrichtung vorgenommen, die für die weitere Entwicklung im Netz von wegweisender Bedeutung sein wird. Und dies kommt letztlich nicht überraschend. Denn seit längerem setzt Google sich für Datentransparenz und -portabilität ein, so z. B. im Rahmen der Data Liberation Front (@dataliberation):

Users should be able to control the data they store in any of Google’s products. Our team’s goal is to make it easier to move data in and out.

Durch Bestehen auf Gegenseitigkeit handelt Google meines Erachtens gerade nicht erratisch. Nein, diese Entscheidung fügt sich sehr genau in die bisherigen Verhaltensweisen ein und zwingt Facebook (welches ja seinerseits einfach mal den Nutzerabgleich mit Twitter geblockt hatte), Farbe zu bekennen: Wie steht Facebook zu grundlegenden, das Netz konstituierenden Prinzipien wie Offenheit und Interoperabilität? Wird Facebook weiterhin Netzwerkeffekte nur egoistisch als Einbahnstraße sehen und seinen Walled Garden bzw. Closed Shop mit maximalem User-Lock-In festigen? Oder wird es sich öffnen? Man darf sich fragen, ob dieser Schritt nicht möglicherweise ohnehin ein wenig zu spät ist angesichts seiner Dominanz und netzwerkeffektbasierten Sogwirkung.

Michael Arrington jedenfalls sieht einen Datenhandelskrieg heraufziehen (Data Protectionism Begins In Earnest):

But here’s the very worst part of protectionism. If you start it, you can expect the other side to start it too. That’s when you get what’s called a trade war, and lots of potential economic gain evaporates.

Meines Erachtens trifft zwar das Bild vom Handelskrieg um Daten zu. Nur findet dieser Krieg zum einen schon lange statt und zum anderen ist es ja gerade nicht nicht Google, welches Daten-Protektionismus gestartet hat. Am Ende stellt sich doch die Frage, welche Haltung netzadäquater ist und welche Mechanismen die spezifischen emanzipatorischen und partizipativen Eingenschaften, Möglichkeiten und Chancen des Netzes gewährleisten. Google scheint sich der Verantwortung aus dieser Herausforderung bewußt und hat sich entschlossen, Vorbild zu sein und mit gutem Beispiel voranzugehen. Natürlich tut es dies auch aus unternehmerischem Interesse. Aber daß Geschäftsinteressen hier weitgehend deckungsgleich mit Nutzerinteressen sind, kann man schwerlich zum Vorwurf erheben. Vielmehr sagt es auch aus: Seht her, wir wollen offen sein. Wir haben den Mut und die Souveränität, den Nutzer nicht zu fesseln und zu knebeln. Wir wollen uns das Vertrauen des Nutzers stattdessen täglich neu erkämpfen, stellen uns dem Wettbewerb und gehen das Risiko ein, daß er sich abwendet und seine Daten mitnimmt. Man darf nur hoffen, daß viele Netzakteure sich an dieser Haltung ein Beispiel nehmen.

Dieser Text ist mir etwas wert:

Google has just released some new extension APIs for it’s superb browser chrome. I already use some own experimental extensions to augment my browsing experience. And now I start to test the new possibilities. There will be a lot of new uses. You can now implement own infobars, program the omnibox (how about tweeting directly from the omnibox?) and add customized context menus, that can work selectively on the type of content (for example a page, a link/video/image or a selection) or the current url.

My first experiment with the new APIs was a simple one: Provide a context menu item to search for the selected text on different sites (too bad, this can’t at this time be integrated with the defined/personally configured search engines/sites of chrome). Nonetheless I'd like to share this simple naive implementation with you, to help get you started with chrome extensions.

The whole code contains of two files that you put together in a directory. File one is “manifest.json”, which declares the permissions used by the extension (see documentation):

{
  "name": "LookUp",
  "description": "Look up selected word(s) on different sites",
  "version": "0.9",
  "permissions": ["contextMenus","tabs"],
  "background_page": "background.html"
}

The other file is the “backgroud.html” which gets loaded when the extension is loaded/activated. It only contains the javascript needed to define the sites to search on and the action that should be taken on click (in this case always open a new tab with a search url) and hook these actions to the menu:

<script>
var definitions=[
	{"title":"Wiki (en)","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Special:Search&search="+info.selectionText});}},
	{"title":"Wiki","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Spezial:Suche&search="+info.selectionText});}},
	{"title":"Amazon","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://www.amazon.de/s/ref=nb_ss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Daps&tag=stecki&x=0&y=0&field-keywords="+info.selectionText});}},	
	{"title":"IMDB","action":function(info,tab){chrome.tabs.create({"url":"http://www.imdb.com/find?s=all&q="+info.selectionText});}}
];

for(var i=0;i<definitions.length;i++) {
	var item=definitions[i];
	var id=chrome.contextMenus.create({"title": item.title, "contexts":["selection"],"onclick": item.action});
}
</script>

To get such a local extension running, you go to chrome://extensions/, click on ”load unpacked extension…” and select the directory in which you saved above two files. That’s it.

Dieser Text ist mir etwas wert:

Zu kurz gesprungen, Eric Schmidt

Montag, 16. August 2010

In Google and the Search for the Future im WSJ gibt es lesenswerte Einlassungen von Google-CEO Eric Schmidt zur Zukunft des Internets:

“Mr. Schmidt is surely right, though, that the questions go far beyond Google. “I don’t believe society understands what happens when everything is available, knowable and recorded by everyone all the time,” he says. He predicts, apparently seriously, that every young person one day will be entitled automatically to change his or her name on reaching adulthood in order to disown youthful hijinks stored on their friends’ social media sites.”

In der Tat dürfte fraglich sein, ob allen klar ist, was das Elefantengedächtnis des Netzes für uns in der Zukunft bedeuten wird. Denn Jahr für Jahr werden Menge und Aussagekraft der über uns verfügbaren Information genauso steigen wie die automatischen Aggregations- und Auswertungsmöglichkeiten dieser Daten — insbesondere unter dem Gesichtspunkt der sich selbst beschleunigenden technologischen Entwicklung (zum Themenkomplex Exponentialität und Technologische Singularität werde ich beizeiten auch mal ausführlicher schreiben).

Die obigen Aussagen von Eric Schmidt sind in der interessierten Öffentlichkeit als recht wagemutig aufgenommen worden, bemerkenswerterweise allerdings nur aufgrund ihrer — sagen wir mal — Unkonventionalität. Dabei beunruhigt mich weniger der Vorschlag an sich, als die Tatsache, daß offenbar auch der Google-Chef höchstselbst nur sehr unklare Vorstellungen über diese Zukunft hat. Ganz inbesondere läßt er (bewußt?) außer acht, daß eines der zentralen Privatsphären-Probleme der Zukunft eben nicht die plumpe namensbasierte Archivsuche sein wird. Diese ließe sich in der Tat vermutlich durch (ggf. mehrfache) Namens-/Identitästwechsel einigermaßen in den Griff kriegen, auch wenn dafür bisher kein gesellschaftlich-kulturelles Fundament besteht.

Die wichtigere und schwierigere Frage aber stellt und beantwortet Schmidt nicht: Was passiert mit den aus archiviertem und auswertbaren Aufmerksamkeits- und Geolokalisierungsdaten, Bild-/Ton- und Video-Material von Personen (siehe hierzu Gesichtserkennung: Normen vs. normative Kraft des Faktischen)?

Denn Nutzungs- und Bewegungsprofile lassen sich ebenso wenig mal eben austauschen wie vor allem unser Aussehen und unsere Stimme. Ich kann mir kaum vorstellen (aber vielleicht reicht da schlicht meine Imaginationskraft nicht), daß wir später alle paar Jahre rein prophylaktisch nicht nur unseren Namen ändern, sondern auch noch plastische Chirurgie an uns vornehmen lassen.

Es gilt also die Frage zum Umgang mit biometrischen und anderen (un-)mittelbar persönlichen/personenbezogenen Daten noch wesentlicher unter diesen Gesichtspunkten zu diskutieren. Vor allem erwarte ich von großen Datenaggregatoren aber natürlich auch von Datenschützern und Politik, daß sie sich mit diesen Fragen beschäftigen — und zwar in einem transparenten Verfahren. Bisher hat leider insbesondere die deutsche Diskussion zu StreetView & Co gezeigt, daß man Entwicklungen nicht bemerkt, bevor alles schon passiert ist. Daraus müssen wir dringend lernen!


Nachtrag: netzpolitik.org hat das Thema auch aufgegriffen und verweist auch auf Danah Boyds Ausführungen über den Aspekt des Reputationsverlusts.


Es dauert ganz schön lange, bis die deutschen News sowas aufgreifen:

Dieser Text ist mir etwas wert:

Es tut mir außerordentlich leid: Ich kann es nicht lassen, über das Thema Google Street View und die von Desinformation, Hysterie und Deutscher Angst geprägte Debatte zu bloggen. Diesmal aber mit potentiell konkretem pekuniären Mehrwert für alle First-Mover, nämlich einer ausbaufähigen Geschäftsidee, deren Grundzüge ich hier skizzieren möchte. Denn: „Nichts ist so schlecht, daß es nicht auch eine gute Seite hat“!

Meine Idee ist simpel, aber IMHO <eigenlob intensität=“heftigst”>mindestens grenzgenial</eigenlob>. Kurz gesagt ist die These, daß die Kohorte der StreetView-Gegner eine hochinteressante Zielgruppe ist. Und zwar nicht nur für gezielte gecrowdsourcete „Nachrüstung“ der StreetView-Bilder der von Google auf Basis eingereichter Widersprüche verpixelter/gelöschter Häuser, sondern weit darüber hinaus.

Ich gehe davon aus, daß Google seine Maps-API in Kürze um eine Funktion streetview.isvisible(address) erweitern wird (ich bitte, dies als Feature-Request zu verstehen), die für jede Adresse zurückliefert, ob das Haus dort erlaubterweise sichtbar ist oder nicht (sollte Google das Potential dieser Abfragemöglichkeit nicht sehen, dürfte diese mittels Bildanalyse iVm reversem Geocoding von der Community umgesetzt werden können, davon gehe ich mal aus).

[Einschub: Ich stelle gerade fest, daß man wohl über das Property GStreetviewData.code feststellen kann, ob für einen Position Daten verfügbar sind, habe das aber noch nicht intensiver angeschaut.]

Dann kann man gezielt alle Straßenzüge eines Zielgebietes darauf abprüfen und durch Kopplung diverser verfügbarer Adreßdatenbanken/Telefonbüchern eine Datenbank der SpießerStreetView-Verweigerer erstellen, um diese einzeln anschreiben/anmailen zu können. Hilfsweise könnte man an die Bewohner der Häuser eben nicht-individualisierte Quasi-Hauswurfsendungen schicken.

Ich gehe fest davon aus, daß eine ganze Reihe weitsichtiger Unternehmen hier sofort normes Potential entdecken. Denn diese Target-Group dürfte aufgrund spezieller Charakteristika hochinteressant sein. So darf man annehmen, daß die Zielgruppe besonders auf Sicherheit, Recht und Ordnung erpicht ist. Was für eine Chance für Rechtsschutzversicherungen! Und die Zielgruppe schaut möglicherweise zu einem Großteil den ganzen Tag aus dem Fenster, um Falschparker anzuzeigen — hier kann man also hervorragend Kameras zur Beweissicherung vermarkten. Ganz abgesehen natürlich von dem hohen Bedarf an Alarmanlagen, der hier generiert werden könnte (insb. wenn man zeitgleich die Daten gewissermaßen als Add-On zu http://pleaserobme.com verfügbar macht. Auch Schneider könnten davon profitieren. Warum? Weil Pro-StreetView-Papst denjenigen, die ihr Haus nicht in der Öffentlichkeit zeigen wollen nicht zu Unrecht rät, dann doch einfach eine Burka drüberzuwerfen (übrigens eine wertvolle facettenreiche großartige Analogie). Usw. usf. — ihr seht, man muß es nur weiterdenken!

Dieser Text ist mir etwas wert:

Link-Dump zu Google Street View

Donnerstag, 12. August 2010

Aus meiner Sicht ist der Umgang mit Google Street View ein Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit und ein pointiertes pars-pro-toto für die Qualität (?) des öffentlichen Diskurses. Weitere eigene Ausführungen erspare ich mir hier an dieser Stelle. Wer mag, kann gern meine Blog-Beiräge dazu nachlesen:

Anbei habe ich mal einen kleinen Link-Dump zur Debattenlage angefangen, den ich vermutlich die nächsten Tage noch etwas erweitern werden. Was mich bei vielen unten aufgeführten Contra-Beiträgen erschrickt, ist die Melange aus Uninformiertheit, non-disclosed Eigeninteressen (Rache der Verlage für Google News? Daseinsberechtigungsrechtfertigungsversuche von Datenschutzbehörden, politischer Populismus) bis hin zu Antikapitalismus und das Klima der diffusen Angst, welches durch teils fast schon demagogische Verkürzungen, Falschdarstellungen und Insinuierungen erzeugt wird. Leider verstärkt sich der negative Effekt auf die breite Bevölkerung noch durch einigermaßen suboptimale Öffentlichkeitsarbeit seitens Google („hörenswert“ sowohl in diesem Zusammenhang wie auch hinsichtlich der krassen Fehlinformationen in der Bevölkerung der der WDR5-Beitrag mit Google-Pressesprecherin Lena Wagner). Insgesamt ist die Diskussion ein lebendiges Beispiel warum dieses Land immer mehr den Anschluß an die Zukunft verliert.

Viel Spaß bei der Lektüre. Wenn ihr ergänzende Fundstücke habt: Immer her an mich! Danke!

Dieser Text ist mir etwas wert:

Wave gestrandet — wird Google kurzatmig?

Donnerstag, 5. August 2010

Als ich eben in meinen Feeds die Meldung Google Halts Wave Development, Shutting It Down By End of Year las, konnte ich zunächst nicht glauben, daß Google sein revolutionäres Produkt Wave einstellt. Hier die offizielle Meldung: Update on Google Wave.

Google Wave war ein ambitioniertes Experiment: Es war gedacht als Kommunikationsplattform der nächsten Generation, sollte Mail, Chat/Messenger, Foren und Wiki gewissermaßen kombinieren. Ich hatte lange auf ein solches Tool gehofft, muß aber zugeben, daß ich Wave nicht so häufig und intensiv genutzt habe, wie ich vorher gedacht hätte. Zum einen dauerte es sehr lange, bis nennenswerte Nutzerzahlen für den Test freigeschaltet wurden. In der ersten Phase von Wave, wo ich die Developer-Sandbox genutzt hatte, kannte ich nur mich und meinen Testaccount; danach wurde es langsam mehr, aber eine kritische Masse wurde nicht erreicht. Insofern ein Henne-Ei-Problem: Solange nicht genug Leute das Teil nutzen, nutzt man es selbst auch nicht.

Insofern rächt sich auch die Inkonsequenz von Google, Wave nicht direkt mit den korrespondierenden Diensten wie Mail, Chat und Groups enger zu verzahnen, gewissermaßen deren Nutzer vorsichtig zu Wave überzuleiten. Das wäre auch ein Signal gewesen, daß Wave wirklich als langfristiges Produkt ausgelegt ist. Denn warum sollte ich meine Kommunikation in einen Dienst verlagern, von dem ich nicht wissen kann, ob er in einigen Monaten noch existiert und bei dem ich keine brauchbare Möglichkeit habe, meine dort erzeugten Daten zu sichern (eine Skepsis, die nun auch noch bestötigt wird).

Insofern bin ich recht enttäuscht und auch überrascht, daß Google hier keinen langen Atem beweist. Gerade angesichts obiger Aspekte (hinzu kommen Kinderkrankheiten, suboptimales Frontend und fehlendes Rechtemanagement) und unter Berücksichtigung der revolutionären Ansätze hat Google hier meines Erachtens (jedenfalls nach meinem jetzigen Kenntnisstand) einen enormen Fehler begangen, das Projekt in dieser Form einzustampfen.

Ich hoffe sehr, daß diese Kurzatmigkeit sich bei Google nicht verschlimmert. Schon bei Buzz mußte man recht erratisches Spontanmanagement zur Kenntnis nehmen. Und bei Orkut, FriendConnect und Latitude hat Google auch nicht unbedingt eine überzeugende Figur gemacht. Weiß die linke Hand dort nicht, was die rechte tut? Gibt es unternehmensintern dort zu wenig strategische Abstimmung? Oder kam Wave einfach nur zu früh, war die Welt darauf noch nicht vorbereitet? Vielleicht hat Google CEO Eric Schmidt ja recht, wenn er heute bei anderer Gelegenheit sagt: “People Aren’t Ready for the Technology Revolution”.

Die Frage ist: Is Google ready for the Technology Revolution?


Siehe auch:

Dieser Text ist mir etwas wert:

Gerade habe ich mir mal wieder ein paar Minuten Zeit genommen, um meine geöffneten 2read-Tabs „wegzulesen“. Darunter ein Interview in der Welt mit Annabella Weisl, ihres Zeichens “Strategic Partner Manager Google Book Search” mit der — wie ich finde recht niedlichen — Überschrift „Am Strand wird sich das Taschenbuch bewähren“.

Das Interview gibt wenig Neues her — im Prinzip wird eigentlich im Wesentlichen erklärt, was Google Books ist und welche Implikationen es für Bibliotheken und Verlage hat. Dabei wird auch auf die bekannte unterschiedliche Zugänglichmachung von gemeinfreien Werken und Büchern aus dem aktuellen Verlagsprogramm eingegangen:

Bei uns ist kein einziges Buch eines urheberrechtlich geschützten Titels ohne die ausdrückliche Genehmigung des Rechteinhabers vollständig einsehbar. Man kann allenfalls hineinschauen, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Offenbar war diese ganze Thematik aber für Jacques Schuster, der das Interview führte, wohl zu neu oder unübersichtlich, so daß er sich folgende, eine bedrohliche Uninformiertheit offenbarende, Frage stellte (die Frau Weisl höflich aber intern sicher kopfschüttelnd beantwortet hat):

WELT ONLINE: Kommen wir noch einmal zum Stand der Digitalisierung. Bei meiner Recherche habe ich festgestellt, dass manche eingescannten Bücher im Grunde unleserlich sind, weil immer wieder Seiten fehlen und man oft den Inhalt des Buches gar nicht mitbekommt.

Annabella Weisl: Wenn Seiten fehlen, dann werden Sie wahrscheinlich in Büchern aus dem Verlagsprogramm geblättert haben. Wir wollen Ihnen aus diesem Bereich nur eine Kostprobe bieten. Sie sollen entscheiden, ob Sie das Buch kaufen wollen oder nicht. Gesamte Inhalte eines Buches zeigen wir nur bei gemeinfreien Büchern.

Oder habe ich nur hochdidaktische und geschickt getarnte Maieutik übersehen? Ich glaube nicht…

Es sind dies solche Sachverhalte, die einen an dem vorgeblichen Qualitätsjournalismus zweifeln lassen. Internetkompetenz oder zumindest eine gewisse Recherche und Vertrautmachen mit dem Thema scheinen dort als obsolet eingestuft zu werden (vielleicht weil man meint, daß man sowieso von allem genug Ahnung hat, da man Qualitätsjournalist ist?). Es ist dieselbe Kategorie wie das Reinfallen auf Twitter-Fake-Accounts. Es zeigt, daß man Funktionsweisen und Mechanismen der betrachteten Dienste nicht erfaßt, seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Schlimmer: Solche Fehler sind von jedem Wissenden (iSv Menschen, die ihre Internetsphäre verstanden haben) sofort zu entlarven und befördern daher die Annahme oder Extrapolation, daß nämlich der Qualitätsjournalismus (der ja letztlich als Begründung für das Leistungsschutzrecht herhalten soll) ein Fall für die rote Liste bedrohter Medienbiotope ist.


In lockerer Folge blogge ich hier kurze Notizen zum Qualitätsjournalismus, siehe auch Teil 1 und Teil 2.

Dieser Text ist mir etwas wert:

Unter der Überschrift „Gesichtserkennung: Machen, was machbar ist?“ fragt @Johanstormarn:

„Datenschutz ist ein wichtiges Thema, aber es ist absehbar, dass die Macht des Möglichen den Datenschutz in der heutigen Form außer Kraft setzen wird. Wenn also die normative Kraft des Faktischen zuschlagen wird, warum dann nicht heute schon den Nutzen nutzen?“

Dieselbe Frage habe ich mir auch schon gestellt (siehe in diesem Zusammenhang Lächerliche Lex Google: OpenLiveStreetView3D wird kommen und Laßt uns über die wirklichen Probleme reden…).

Hinsichtlich der Frage, warum Google zwar (selbstverständlich) technisch über hochwertige Bilderkennungstechnologie verfügt, diese Endnutzern auch via Picasa verfügbar macht, sie aber bei Diensten wie Google Goggles bewußt unter Hinweis auf Datenschutzproblematiken nicht aktiviert, vermute ich, daß insb. Google nach den Erfahrungen mit zunehmender Problematisierung seiner (All)macht (Krake, Analytics, StreetView, unameit) neue Funktionalitäten vermutlich nicht mehr ganz so blauäugig-naiv-technobegeistert aktiviert, weil es weiter am “don’t be evil”-Slogan zehren würde. Sprich: Google verzichtet derzeit schlicht darauf, sich noch intensiver ins Visier von Datenschützern und Politik zu befördern.

Aber natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Google Gesichtserkennung im großen Stil implementieren wird. Ohnehin sollte man klar und deutlich sagen: Professionelle Gesichtserkennung ist jetzt ja schon für jeden machbar. Zum einen kann man mit Picasa sein eigenes Bildarchiv in kürzester Zeit scannen lassen; zum anderen wird aber niemand davon abgehalten, beispielsweise gezielt Websites, Feeds oder seinen Social Graph (bzw. darüber zugängliche Alben) automatisiert auszulesen und erkennen zu lassen — entweder durch Nutzung einer lokalen Picasa-Software quasi als Proxy (was angesichts der simplen Datenhaltung in picasa.ini-Dateien trivial ist) oder durch Nutzung von APIs wie der von face.com.

Wir sind also ohnehin auch hier an einem Punkt, wo schon jedem Einzelnen ganz erhebliche technologische (und kostenlose oder zumindest relativ extrem billige) Möglichkeiten zur Verfügung stehen (Möglichkeiten von denen Polizeien, Geheimdienste & Co vor ein paar Jahren noch geträumt haben). Und wenn es ohnehin jeder, also nicht nur Big Player, im großen Stil machen kann, stellt sich eben die Frage, was andere davon noch abhält und warum man sich nicht (fatalistisch?) dem Unausweichlichen ergibt.

Und der nächste Schritt ist ja auch absehbar: Es wird (falls es das nicht sogar schon gibt) sich ein Datenaustauschformat für Gesichts-/Personencharakteristika (denn bei reiner Gesichtserkennung wird es nicht bleiben: Mit mehr verfügbaren Daten (also Bild-/Video-/Tonmaterial sowie Zusatzinformationen (Social Graph, Lebenslauf-Daten aus Profilen, persönliche Routinen (Geo-Infos)) die die statistischen Erkennungswahrscheinlichkeiten verbessern) werden immer mehr Erkennungsmöglichkeiten kommen) etablieren, quasi Personenfingerprinting. In einer kleinen XML- oder JSON-Datei wird dann kompakt die mathematische Kodifizierung der Erkennungsparameter einer Person sein (so wie die biometrischen Merkmale eines Ausweises).

Wir landen also immer wieder bei einer Fragestellung: Wie gehen wir damit um, daß heutzutage Individuen Möglichkeiten haben, die früher weder technisch, noch kapazitativ oder finanziell selbst von Staaten nicht umgesetzt werden konnten? Wie soll ein deutsches Datenschutzrecht, daß primär auf Unternehmen und logischerweise auf nationale Regulierung zugeschnitten ist, auch nur ansatzweise noch wirksam sein können? Wie klar sind sich Politik und Gesellschaft in der Breite dieser Problematik bewußt?

Es mag zwar unbefriedigender Kontrollverlust für alle Beteiligten sein, aber ich fürchtevermute ähnlich wie Johan, daß die normative Kraft des Faktischen den Großteil der Diskussion schnell verobsoletieren wird. Ich sehe kaum ernsthaft umsetzbare Vorschriften, die die sich exponentiell beschleunigende Entwicklung in den Griff bekommen könnten, da der systemimmanente Gesetzeslag und die sich zwangsläufig ergebenden Vollzugsdefizite stetig größer und nicht kleiner werden werden.

Mein Leitmotto in diesem Zusammenhang ist:

„Herr, gib mir Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ich für meinen Teil werde versuchen, zu akzeptieren, daß bestimmte Entwicklungen kommen werden. Und ich werde diese dann nicht sinnlos verzögern wollen, sondern stattdessen die sich daraus ergebenden Chancen nutzen und helfen, die entstehende Risiken zu minimieren. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, diesen Wandel positiv mitzugestalten, der Technophobie keinen Vorschub zu leisten, sich den Herausforderungen mit positiver Grundhaltung zu stellen. Wir werden nicht drumherumkommen!


Nachtrag: Siehe auch Netzwertig: Technischer Fortschritt - heißes Eisen Gesichtserkennung.

Dieser Text ist mir etwas wert:

Was sich schon seit einigen Wochen angesichts der teils fast schon hysterische Züge annehmende Diskussion abzeichnete, konkretisiert sich nun wie erwartet. Die Justizministerkonferenz hat beschlossen (PDF), durch eine Lex GoogleGesetzesinitiative einen „wirksamen Schutz der Betroffenen zu gewährleisten.

Der Hamburger Justizsenator, von dem die Initiative ausgeht, sagt dazu:

“Die Persönlichkeitsrechte und die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger dürfen nicht länger vom Wohlwollen der Anbieter abhängen.“

Nun kann man lange diskutieren, welche konkreten Persönlichkeitsrechte denn nun wirklich betroffen sind und inwiefern die Sicherheit der Bürger bedroht ist. Die Argumente dazu sind hinlänglich ausgetauscht und mein Standpunkt dazu ist klar.

Die Politik wäre gut beraten, einen Gang zurückzuschalten, verbal abzurüsten und weniger Angst vor Neuem zu schüren. Es geht mir nicht darum, Probleme zu bagatellisieren. Aber Google macht durch Verpixelung von Personen und Autokennzeichen schon mehr als alle andere, die Bilder ins Netz stellen.

Was mich aber nun eigentlich bewegt, sind folgende Aspekte:

Die Justizminister haben — auch wenn man stets betont, daß es anders sei — ganz im Wesentlichen ein Einzelfallgesetz vor, das von seiner Stoßrichtung auf einen Großanbieter wie eben Google ausgerichtet ist. Und es mag sein, daß man es schafft, Google regulatorisch am Nasenring durch sein Google Earth zu ziehen. Nur: Sollte Google als Folge der rechtlichen Einschränkungen nicht so interessant und attraktiv sein, wie es sich die potentiellen Nutzer wünschen, dann ist die logische Konsequenz, daß diese die Sache in die eigene Hand nehmen und crowdsourcen. @JensBest hatte dies als erster auf Twitter deutlich ausgesprochen (und wurde deswegen in der FAZ unter „Googles windige Helfer“ rubriziert).

Und natürlich startete sofort das Projekt openstreetview.org. Auch wenn dieses bisher letztlich nur symbolischen Wert hat: Es sollte jedem der Beteiligten klar sein, daß es technisch angesichts schierer Unmengen von georeferenzierten Bildern im Netz nur eine Frage der Zeit ist, bis diese mit hinreichender Dichte und Aktualität zu einem StreetView-Analogum aggregiert werden.

Und was genau will die JMK dann tun? Oder warum besteht sie dann nicht auch darauf, daß schon jetzt jeder, der Bilder ins Netz einspeist, die Einwilligung „betroffener“ Hauseigentümer oder -bewohner einholt bzw. einen Mechanismus zur Einlegung eines Widerspruchs vor Veröffentlichung implementiert?

Solche Bildaggregationen im großen Stil werden kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Und mit Techniken wie Photosynth werden diese zu 3D-Welten werden, gegen die StreetView nur ein zaghafter Anfang war.

Und man muß auch nur ein bißchen weiter in die Zukunft schauen: Wie lange noch wird es dauern, bis wir möglicherweise zu wirklichen Lifestreaming-Devices aufgemotzte PDAs/Handys mit uns herumtragen, die (so wir dies wollen) die ganze Zeit Livebilder ins Netz übertragen, welche dann mit einer Art Realtime-Videosynth zusammengefügt werden zu einem OpenLiveStreetView3D

Bundesinnenminister de Maizière hat den Punkt in seiner Grundsatzrede „Grundlagen für eine gemeinsame Netzpolitik der Zukunft“ (siehe dazu auch meine Materialsammlung) sehr gut deutlich gemacht:

„Nehmen wir das Beispiel Google Street View. Der Bundesrat berät hier gerade über einen Gesetzentwurf. Der Ansatz dieses Entwurfs ist aller Ehren wert, aber nach meiner Überzeugung falsch: Wir sollten gesetzgeberisch nicht den Weg einschlagen, dass wir für jeden neuen Dienst ein neues und eigenes Gesetz schaffen. Bei einer solchen Einzelfallgesetzgebung würden wir bald hoffnungslos hinterherhinken. Das Recht wäre dann weder technikneutral noch entwicklungsoffen.“

Einen solchen Wettstreit mit der globalen Innovationskraft des Netzes wird die deutsche Politik nicht gewinnen, sofern sie nicht mehr und mehr Freiheiten beschränken und Menschen bevormunden will. Die Justizminister der Länder sollten sich die ganze Sache unter besonderer Berücksichtigung der deutlichen Ausführungen des Bundesinnenministers noch einmal überlegen…


Nachtrag (25.06.2010 11:00): Zu recht fragt Jens Best in den Kommentaren bei Telemedicus nach einer wirklich nachvollziehbaren Begründung.

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