Paralleluniversum Qualitätsjournalismus

Dienstag, 29. März 2011

Der Regierungssprecher Steffen Seibert twittert seit kurzem als @RegSprecher.

So weit, so gut.

Was aber für Bundesregierung und Bundespresseamt letztlich eher nur ein kleiner (wenn auch richtiger und lobenswerter) Schritt war, scheint für SteinzeitQualitätsjournalisten der Bundespressekonferenz bereits die Grenzen weit überschritten zu haben. Wobei offen ist, ob es sich dabei um die Grenzen der Medienmedienkompetenz handelt oder um die Grenzen dessen, was ein Kreis mit offenbar recht elitärem Selbstverständnis an direkter ungefilterter Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu ertragen gewillt ist.

Ein großer Dank geht an Thomas Wiegold, der in seinem Blog das unfaßbare Ausmaß dieses Dramas dokumentiert hat. Lesebefehl: Wenn der Regierungssprecher twittert… (der Text ist auch auf Carta erschienen, der dort umfangreichen Kommentare wegen verweise ich daher auch dorthin: Das Unbehagen der Hauptstadtjournalisten mit dem twitternden Regierungssprecher).

Bei Lektüre durchlebte ich ein Wechselbad der Gefühle von Mitleid über Fassungslosigkeit bis hin zu Wut. Sollte das Satire sein? Ein verfrühter Aprilscherz? Großer Respekt gebührt jedenfalls Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans, der mit unnachahmlicher Geduld und bewundernswerter Sachlichkeit sehr diplomatisch versucht hat, den Journalisten Nachhilfe zu geben. Vor letzteren habe ich offengestanden nun allerdings jeden Respekt endgültig verloren. Wer sich — einem Berufstand zugehörig, dessen Grundfesten aus Recherche und Medienkompetenz bestehen sollten — nicht entblödet, dermaßen inkompetente Dümmlichkeiten vorzubringen, hat glasklar dokumentiert, daß er nicht nur mit seiner Aufgabe sondern auch diesem Jahrtausend ganz offensichtlich überfordert ist.

Thomas Knüwer schreibt dazu in seinem Blog über Berliner Hauptstadtkorrespondenten — die geistige Nachhut:

Und nun bin ich sehr brutal. Journalisten sollen uns auch ein wenig die Welt erklären. Sie müssen Dinge einordnen können, Zusammenhänge erkennen. Sie müssen im Rahmen des Fortschritts vorne mit dabei sein. Stattdessen aber zeichnet die Bundespressekonferenz das Bild einer Meute Gestriger, die ohne Wissen und ohne Recherche über eine Technik, die längst weit verbreitet ist, unkundigen Unsinn verbreitet.

Und das Landsblog formuliert höflich Hauptstadtjournalisten hadern mit Twitter:

Niemand wird hier gegen seinen Willen glücklich gemacht. Jeder hat das Recht darauf, vor der Zukunft zu versagen. Es ist nicht Aufgabe des Staates und des Rechtswesen (Stichwort Schutzgeld Leistungsschutzrecht) Dinosaurier am Aussterben zu hindern.

Über 15 Jahre nun ist das Internet in Breite für die Massen in Deutschland verfügbar. Man sollte meinen, daß inzwischen auch der letzte Hinterwäldler bewußt oder zumindest subliminal verstanden hat, was die Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes zuvorderst bedeuten, nämlich Hierarchiefreiheit, Wegfall klassischer Gatekeeper und Kontrollverlust.

Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich ca. 1995 den damaligen Pressesprecher der CDU-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein überzeugen wollte, die Mitteilungen der Fraktion doch digital direkt an Bürger zu verbreiten, damit diese ungefilterte und ungekürzte Botschaften zur Verfügung hätten. Seine Antwort war ein verständnislos-entsetztes „Aber dann kann ja jeder diese Texte lesen“. Ohne Worte. Glücklicherweise hat sein heutiger Amtsnachfolger die Zeichen der Zeit erkannt. Nur scheint diese Erkenntnis es nicht ganz bis in die erlauchten Kreise der Hauptstadtpresse geschafft zu haben…

Am Ende ist für mich nur ein Aspekt offen — und da die Presse ja immer sehr auf Transparenz pocht, wird sie ganz bestimmt kein Problem damit haben, hier für selbige zu sorgen: Wer genau waren die Fragesteller und für welche Zeitungen schreiben sie? Ich frage für jemanden, der seine letzten Totholzabos kündigen möchte.


Update: Falk Lüke geht in seinen Anmerkungen zur Bundestwitterkonferenz noch etwas ausführlicher auf die arrogante Attitüde der BPK und ihren Informationsmonopolanspruch ein (und das ist gut, denn das ist in der Tat der wichtigste Punkt und geht aus meinem Beitrag oben leider kaum hervor, weil ich das wichtigste vor lauter Rage runterschreiben mehr oder weniger vergessen habe… #verlegengrins #inflektivnutz).

Dieser Text ist mir eine kleine Burgerbeteiligung fü McSteck wert:

Eben las ich in der Ahrensburger ZeitungStormarn-Beilage des Hamburger Abendblattes „Ruhe in Sichtweite“ (der Link liegt hinter einem Paywall, first-click-free-Suche bei Google News hilft). Der Artikel setzt auf der Berichterstattung von vorgestern auf, in der sich die Anwohner des Buchenweges über zunehmenden Fluglärm beklagen (dieser scheint — vielleicht aus komplexen psychoakustischen Gründen? — ganz gezielt im Buchenweg alles andere in den Schatten zu stellen….).

Zu der Thematik kann man ja stehen, wie man will. Die Flugzeuge fliegen auch über Delingsdorf, darüberhinaus habe ich aber ca. 100 m links die Bundesstraße 75 und ca. 100 m rechts die Bahnlinie Hamburg-Lübeck. Nun denn, wenn es wirklich Leute mit feinem Gehör stört und womöglich Grenzwerte und Regelungen nicht eingehalten werden, soll es so sein.

Was ich aber absolut inakzeptabel finde, sind dann Bebilderungen wie diese:

Für das kleine Bild bitte ich um Verzeihung; ich wollte keine urheberrechtlichen Problematiken losstoßen und denke, daß man die Problematik erkennt, wenn man die Bildunterschrift dazu liest, welche lautet:

So tief wir auf dieser Fotomontage fliegen die Flugzeuge natürlich nicht über das Ahrensburger Stadtgebiet und den Kreis Stormarn hinweg.

(Zitat mit Tippfehler übernommen)

Ganz ehrlich: Man macht sich also die Mühe, eine schicke Fotomontage zu basteln, schert sich aber einen feuchten Kehricht darum, ob diese auch nur halbwegs realistisch ist? Was soll ich davon halten? Der Leser kriegt doch einen Schreck, wenn er beim Aufblättern der Seite auf das großflächige Foto schaut und dabei den Eindruck gewinnt, daß die Flugzeuge keine 100 m über dem Schloß im Landeanflug sind. Welche Irreführung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Dabei sollte doch heutzutage eigentlich jeder — auf jeden Fall aber Journalisten — sich der Suggestivkraft von Bildern bewußt sein. Selbst „echte“ Fotos, also keine Montagen, können ja nach Wahl des Betrachtungswinkels beim Knipsen oder dem Bildausschnitt beim Publizieren erheblich in die Irre führen. Bewußt (böswillige?) Fotomontagen erst Recht. Diese Art von „Qualitätsjournalismus“ finde ich unerträglich. Und sie ist auch mit Blick auf die emanzipative und aufklärerische Kraft des Netzes äußerst kurzsichtig.

Also, liebe Leser: Immer schön Augen auf und kritisch hinterfragen, was einem da so vorgesetzt wird!

Dieser Text ist mir eine kleine Burgerbeteiligung fü McSteck wert:

Gerade habe ich mir mal wieder ein paar Minuten Zeit genommen, um meine geöffneten 2read-Tabs „wegzulesen“. Darunter ein Interview in der Welt mit Annabella Weisl, ihres Zeichens “Strategic Partner Manager Google Book Search” mit der — wie ich finde recht niedlichen — Überschrift „Am Strand wird sich das Taschenbuch bewähren“.

Das Interview gibt wenig Neues her — im Prinzip wird eigentlich im Wesentlichen erklärt, was Google Books ist und welche Implikationen es für Bibliotheken und Verlage hat. Dabei wird auch auf die bekannte unterschiedliche Zugänglichmachung von gemeinfreien Werken und Büchern aus dem aktuellen Verlagsprogramm eingegangen:

Bei uns ist kein einziges Buch eines urheberrechtlich geschützten Titels ohne die ausdrückliche Genehmigung des Rechteinhabers vollständig einsehbar. Man kann allenfalls hineinschauen, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Offenbar war diese ganze Thematik aber für Jacques Schuster, der das Interview führte, wohl zu neu oder unübersichtlich, so daß er sich folgende, eine bedrohliche Uninformiertheit offenbarende, Frage stellte (die Frau Weisl höflich aber intern sicher kopfschüttelnd beantwortet hat):

WELT ONLINE: Kommen wir noch einmal zum Stand der Digitalisierung. Bei meiner Recherche habe ich festgestellt, dass manche eingescannten Bücher im Grunde unleserlich sind, weil immer wieder Seiten fehlen und man oft den Inhalt des Buches gar nicht mitbekommt.

Annabella Weisl: Wenn Seiten fehlen, dann werden Sie wahrscheinlich in Büchern aus dem Verlagsprogramm geblättert haben. Wir wollen Ihnen aus diesem Bereich nur eine Kostprobe bieten. Sie sollen entscheiden, ob Sie das Buch kaufen wollen oder nicht. Gesamte Inhalte eines Buches zeigen wir nur bei gemeinfreien Büchern.

Oder habe ich nur hochdidaktische und geschickt getarnte Maieutik übersehen? Ich glaube nicht…

Es sind dies solche Sachverhalte, die einen an dem vorgeblichen Qualitätsjournalismus zweifeln lassen. Internetkompetenz oder zumindest eine gewisse Recherche und Vertrautmachen mit dem Thema scheinen dort als obsolet eingestuft zu werden (vielleicht weil man meint, daß man sowieso von allem genug Ahnung hat, da man Qualitätsjournalist ist?). Es ist dieselbe Kategorie wie das Reinfallen auf Twitter-Fake-Accounts. Es zeigt, daß man Funktionsweisen und Mechanismen der betrachteten Dienste nicht erfaßt, seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Schlimmer: Solche Fehler sind von jedem Wissenden (iSv Menschen, die ihre Internetsphäre verstanden haben) sofort zu entlarven und befördern daher die Annahme oder Extrapolation, daß nämlich der Qualitätsjournalismus (der ja letztlich als Begründung für das Leistungsschutzrecht herhalten soll) ein Fall für die rote Liste bedrohter Medienbiotope ist.


In lockerer Folge blogge ich hier kurze Notizen zum Qualitätsjournalismus, siehe auch Teil 1 und Teil 2.

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Meine Güte. Egal welches Printmedium (bzw. Onlineableger) man liest: Fast wie gleichgeschaltet läuft da eine PropagandaInformationskampagne gegenüber Google StreetView. Überall werden einem großformatig abgelichtete besorgte Bürger präsentiert, die sich brutalstmöglich durch StreetView ausgespäht und in ihren Grundrechte verletzt sehen.

So auch heute in der totholzmanifestierten Speerspitze des Lokaljournalimus, der Ahrensburger Zeitung, Verzeihung, Stormarn-Beilage zum Hamburger Abendblatt (tut mir leid, daß ich mir jedesmal diese vollständige Ausformulierung geben muß, aber ich komme einfach nicht darüber hinweg, wie man so einen supergriffigen Titel erfinden konnte).

Da ist also der Ahrensburger René Schwartz abgelichtet (in der Hand hält er einen Ordner, ich frage mich: Sind das alles seine Widersprüche? (sieht eigentlich eher wie ein Steuererklärungsformular aus, aber egal)). Dieser darf „mit entschlossenem Blick“ sich nun dort also ausführlich auf vier Spalten (womit der Artikel ca. 50% der redaktionellen Seitenfläche okkupiert) ausbreiten, daß er gefragt werden will, „bevor jemand mein Haus fotografiert“ nach dem Motto: „Nur wer sich wehrt, wahrt seine Grundrechte“.

Dann folgen noch Ausführungen zu seiner Grundrechtsinterpretation und die Drohung, daß er das Recht habe, den bösen Konzern auf Schadenersatz zu verklagen. Natürlich fehlt auch nicht das Standardbeispiel mit den Kriminellen, die offenbar gern inaktuelles Fotomaterial dem Ortstermin zur Einbruchspotentielanalyse vorziehen. Denn natürlich wird nicht erwähnt, daß viele Monate vergehen, bevor die Aufnahmen überhaupt im Internet zu sehen sind, weil diese erst umfangreich anonymisiert werden (insb. werden Kennzeichen und Gesichter verpixelt).

Der gesamte Text enthält nicht eine einzige journalistisch-kritische Betrachtung/Hinterfragung der Argumentation.

Dabei lägen doch die wirklich spannenden Fragen auf der Hand, nämlich: Was unterscheidet Google von jedem anderen Unternehmen und jeder anderen x-beliebigen Privatperson, die durch Straßen fährt und von ihrem Recht (!) Gebrauch macht, im öffentlichen Verkehrsraum Fotos (oder gar Videos) aufzunehmen und diese ins Internet zu stellen? Ein Google-StreetView-Auto sieht nicht mehr, als jeder andere Verkehrsteilnehmer sehen kann. Zugegeben, die Kamera ist recht hoch installiert. Aber vom einem LKW-Führerhaus, einem Hoch- oder Doppeldeckerbus oder auch einem Trecker hat man dieselbe Perspektive.

Es ist nicht so, daß ich allen Aktivitäten (und ich verzichte hier bewußt auf das Wort Umtriebe) von Google unkritisch gegenüberstehe. In der Tat ist es wichtig, genau zu prüfen, welche Firma/Institution/Behörde welche Daten wie erfaßt, verwaltet, verwertet und verknüpft.

Aber populistischer Aktionismus à la Aigner hilft uns da nicht weiter. Und hoffnungslos undifferenziert-tendenziös-einseitige Panikmache der Zeitungen auch nicht (auch wenn ich verstehen kann, daß todgweihte Printmedien gegen die als Bedrohung empfundene Entwicklung im Internet um sich schlagen). Souverän und richtig wäre es, die geltende Rechtslage einmal ganz nüchtern und sachlich darzustellen. Denn das, was an Fehlinformationen und Irrmeinungen insb. zu diesem Themenkomplex in der Welt herumschwirrt, ist haarsträubend.

Gerade für Medien gilt: Wenn ihr im Zeitalter der Informationsgesellschaft — die sich ja gerade durch systematisches Ausschalten von Mittlern auszeichnet — überleben wollt, wenn ihr überhaupt eine Chance haben wollt oder eine Existenzberechtigung, dann kann dies nur in der Agglomeration von Qualitätsjournalismus bestehen. Sprich: Fakten recherchieren, Argumentationen nachvollziehbar auf den Punkt bringen, ausgewogen und differenziert berichten, kritisch aber nicht einseitig hinterfragen, summa summarum guten Journalismus betreiben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Update 09.03.2010:

Auch Christoph Kappes hat sich Gedanken zu Google Street View gemacht.

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Liebe Ahrensburger Zeitung, ähm ich meine natürlich die „Stormarn-Beilage vom Hamburger Abendblatt“ (ein sehr griffiger und gut zitierbarer Titel, toll & clever gemacht, Abendblatt), nur mal so zur Fortbildung hinsichtlich des Berichtes „CDU-Wirtschaftsexperte Lauk ruft zum Optimismus in der Krise auf“*:

Kurt Lauk ist nicht irgendein CDU-Wirtschaftsexperte. Auch wenn er in der CDU und gleichzeitig Wirtschaftsexperte ist (was — auch wenn das erstaunen mag — kein Widerspruch ist, #breitgrins #inflektivnutz).

Nein, Kurt Lauk ist Präsident des Wirtschaftsrates der CDU e. V. (kurz Wirtschaftsrat). Und als solcher war er zum Wirtschaftsforum der CDU-Ahrensburg geladen. Der Wirtschaftsrat ist ein unternehmerischer Berufsverband zur Beratung der CDU. Er ist rechtlich selbständig und politisch unabhängig. Insbesondere muß man nicht in der CDU sein, um Mitglied des Wirtschaftsrates werden zu können.

Es ist schade, daß der zuständigen Redakteurin dieser Sachverhalt so vollumfänglich entgangen ist.

Vielleicht scheint dieser Punkt etwas kleinkariert. Aber ich denke, daß exakt diese Art von mangelnder Recherche- und Berichtsqualität sich sehr negativ auf den Meinungsdiskurs auswirkt. Denn noch sind Zeitungen für viele oder zumindest eine noch nicht vollkommen unerhebliche Menge an Leuten die Basis ihrer täglichen Information.

*Ich hätte gern den Artikel direkt verlinkt, dies aber nicht getan, da abendblatt.de einen Paywall (siehe Abendblatt nun unangefochten Vorreiter beim Wettsterben) hat. Der Artikel ist im Rahmen von first-click-free zu erreichen über die Suche nach dem genauen Titel bei Google News.

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